Wohin mit unserer Wut?

 In Empowerment, Mädchen

Wut ist für Frauen eine schwierige Emotion. Sie ist kräftig, raumgreifend, Grenzen setzend. All das, was Frauen und Mädchen – laut gesellschaftlicher Normen – besser nicht sein sollen. Daher wird Mädchen von klein auf auch beigebracht, ihre Wut nicht zu zeigen oder anderweitig zu äußern. Am besten runterschlucken. Dabei ist diese Emotion so wichtig für uns Menschen: sie vermittelt unsere Grenzen, setzt Warnsignale, kann uns helfen, die Anspannung durch verletzte Gefühle los zu werden. Unterdrücken wir unsere Wut hat das schwerwiegende Auswirkungen auf unsere (mentale) Gesundheit. Daher ist es enorm, „weibliche Wut“ von ihrem Stigma zu befreien und Mädchen und Frauen zu helfen, einen gesunden Umgang mit dieser kraftvollen Emotion zu erlernen.

Wut als Thema eines MEP-Projekts

2020 beantragte das ABC Bildungszentrum Hüll e.V. im Rahmen des MädchenEmpowermentProgramms ein Projekt mit dem Titel “Das Wut-Labor“. Das Projekt sollte Tanz- und Filmworkshops umfassen und mit den Teilnehmer*innen verschiedene Fragen bearbeiten: Traue ich mich, meine Wut raus zu lassen? Was hat Wut mit Grenzen setzen zu tun? Was ist an Wut politisch? Warum ist Wut eine verpönte Emotion, gerade für Mädchen und Frauen? Die Aktivitäten sollten den teilnehmen Mädchen und jungen Frauen den Raum geben, ihre eigene Wut besser kennen zu lernen und einen gesunden Umgang mit ihr ein zu üben – ohne Scham und Schuldgefühle.

Das Wut-Labor war ursprünglich als alleinstehender mehrtägiger Workshop geplant. Im Fokus dieses Workshops sollten Kampfkunst, Tanz und Bodypercussion stehen. Die Beschäftigung mit diesen Praxen sollten den Teilnehmer*innen helfen, in die Selbstreflektion zu gehen und ihrem Inneren Ausdruck zu geben. Am Ende sollte eine Film- oder Fotoarbeit zum Thema entstehen. Durch die Corona-Pandemie musste der Workshop mehrfach verschoben werden. Letztlich fand er im Herbst 2021 statt. Das Wut-Labor wurde von unserer Projektpartnerin mit einem weiteren Projekt kombiniert. Dabei handelte es sicch um ein Filmprojekt, in dem die Teilnehmerinnen von Idee bis zur Umsetzung alles selbst machten. So ergaben sich noch mehr Möglichkeit für die Teilnehmer*innen, sich kreativ mit den eigenen Gefühlen auseinander zu setzen.

Es ging nicht nur um Wut

Das Thema Wut stand im eigentlichen Workshop dann auch weniger als geplant im Vordergrund. Dazu berichtet unsere Projektpartnerin: „Die Teilnehmenden waren eher an empowernder Körperarbeit interessiert. Es ging um innere Haltung, den eigenen Habitus und wie das zusammenhängt. Es ging darum, wann wir verletzlich sind, wie wir uns verletzlich zeigen und trotzdem stark sein können. Und es ging um die Frage der ästhetischen Umsetzung solcher Themen. So haben wir viel zu Kraft, die eigene Mitte finden, Stimmeinsatz, Körpersprache im Allgemeinen und Kommunikation jenseits von Sprache durch die Nutzung von Rhythmus im Speziellen gearbeitet. Das bedeutet, die inhaltliche Auseinandersetzung war vielfältiger als sich nur auf Wut zu konzentrieren, Wut ist als Thema aber aufgetaucht […].“

Von den Teilnehmenden wurde das Projekt als sehr empowernd empfunden. Die Rückmeldungen geben einen Eindruck davon, wie vielfältig und gewinnbringend ein geschützter und wohlwollender Umgang mit unseren Emotionen, vor allem auch den schwierigen, sein kann:

Ich habe das Gefühl ich kann mich mal wirklich so ausdrücken, wie ich das eigentlich möchte.

Ich bin in einer sehr schwierigen Lebenslage und habe eigentlich immer Bauchschmerzen. Die Übungen des Qi Gong und der leistungsfreie Umgang mit meinem Körper führen dazu, dass ich keine Schmerzen habe und ich lerne hier Werkzeug, wie ich in stressigen Momenten körperlich auf eine Art reagieren kann, die mit guttut.

Ich habe das Gefühl, ich kann freier atmen.

Die Wirkung des Projekts

Für uns bei filia ist im Nachklang eines solchen Projekts immer wichtiger zu schauen, wie ein solches Projekt genau wirkt. Im Fall des Wut-Labors wirkt das Projekt vor allem auf der individuellen Ebene. Die Teilnehmer*innen erweitern ihr Wissen und erwerben neue Fähigkeiten: sie verbessern ihre Gesundheit, da sie lernen mit negativen Emotionen und Stress klüger umzugehen. Des Weiteren üben sie neue Fähigkeiten im Bereich des Filmemachens ein. Da auch der Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und Emotionen besprochen wurde, haben die Teilnehmer*innen auch ein besseres Verständnis für den gesellschaftlichen Umgang mit unerwünschten weiblichen Emotionen gewonnen. Was für die Zukunft hoffentlich bedeutet, dass sie sich weniger um negative Zuschreibung scheren und ihrer Wut den Raum schenken, den sie verdient hat.

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