Finanzierung der feministischen Zivilgesellschaft in Deutschland: Erstmals systematische Daten

Die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft mehr als die Hälfte der Bevölkerung – doch die Organisationen, die täglich dafür kämpfen, werden in Deutschland kaum gefördert und selten gespendet. Wie groß das Missverhältnis wirklich ist, zeigen jetzt erstmals systematisch erhobene Daten: Beim Deutschen Stiftungstag im Mai 2026 präsentierte ein Forschungskonsortium, an dem filia.die frauenstiftung beteiligt war, neue Erkenntnisse zur Finanzierung der feministischen und gleichstellungsorientierten Zivilgesellschaft (kurz: femgoZG) in Deutschland.

Was ist die femgoZG-Studie – und warum war sie überfällig?

Bisher fehlte in Deutschland eine entscheidende Grundlage für politische und philanthropische Entscheidungen: belastbare Daten über Umfang, Struktur und Finanzierung feministischer Zivilgesellschaft. Geschlechtergerechtigkeit war in der deutschen Spendenforschung und im Zivilgesellschaftsmonitoring historisch keine eigene Erhebungskategorie. Was nicht gezählt wird, zählt nicht.

Mitgewirkt an der Studie haben die Maecenata Stiftung, FAIR SHARE of Women Leaders e.V., Karin Heiseke und filia.die frauenstiftung.

Gefördert wurde die Studie von der Kurt und Maria Dohle Stiftung, der Mercator Stiftung Schweiz, der Rudolf Augstein Stiftung, der Schöpflin Stiftung sowie Kai Viehof und weiteren Einzelpersonen.

Das Forschungsprojekt „Zur Struktur und Finanzierung zivilgesellschaftlicher Gleichstellungsarbeit und feministischer Initiativen in Deutschland“ schließt diese Lücke erstmals. Es wurde zwischen 2020 und 2024 in einem explorativen Mixed-Methods-Design umgesetzt – von einem Konsortium aus dem Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft, FAIR SHARE of Women Leaders e.V., filia.die frauenstiftung und der Beraterin Karin Heisecke.

Wie klein ist die feministische Zivilgesellschaft in Deutschland wirklich?

Die Antwort ist ernüchternd. Laut Zuwendungsempfängerregister (Stand 2025) haben nur 0,6 Prozent aller dort geführten Organisationen den Zweck „Förderung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ als Satzungszweck. Im ZiviZ-Survey 2023 nennen ebenfalls nur 0,7 Prozent der Organisationen Frauen und Mädchen als alleinige Zielgruppe. Im Stiftungssektor zählt Geschlechtergleichberechtigung mit 0,6 Prozent zu den am seltensten genannten Stiftungszwecken überhaupt (Stiftungsdatenbank des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, 2024). Nach unveröffentlichten Auswertungen des Stiftungspanels 2025 haben nur 3 Prozent der Stiftungen Frauen und Mädchen als eine von mehreren Zielgruppen.

Die wenigen existierenden Organisationen mit der Zielgruppe „Frauen/Mädchen“ sind zudem überwiegend klein und ressourcenschwach: 77 Prozent der als Vereine organisierten Gruppen haben 100 oder weniger Mitglieder. 59 Prozent haben jährliche Einnahmen von maximal 10.000 Euro. Nur 7 Prozent erreichen ein Jahresbudget von über einer Million Euro.

Warum ist die Finanzierung der feministischen Zivilgesellschaft so gering?

Ein strukturelles Problem: Das Thema wird weder in der Forschung noch in Fördersystemen systematisch erfasst. Ohne Daten keine Sichtbarkeit – ohne Sichtbarkeit keine Förderung. Hinzu kommt, dass politische Interessenvertretung für Geschlechtergerechtigkeit massiv unterfinanziert ist. Von allen im Lobbyregister des Bundestags eingetragenen Organisationen setzen sich nur 1,37 Prozent (84 Organisationen) für Geschlechtergerechtigkeit ein. Die 20 ausgabestärksten femgoZG-Organisationen brachten zusammen 2,38 Millionen Euro an Lobbyausgaben auf – verglichen mit 8,4 Millionen Euro bei Umweltverbänden und 124,5 Millionen Euro bei Wirtschaftsakteuren (Lobbyregister des Bundestags, 2025).

Wer spendet für feministische Arbeit – und wer nicht?

Laut Deutschem Spendenmonitor 2025 geben nur 4,1 Prozent der privat Spendenden für Frauenrechte und Gleichberechtigung. Damit landet das Thema weit abgeschlagen hinter Tierschutz (23,2 Prozent) oder Gesundheitswesen (20,5 Prozent).

Ein wichtiger Befund für Stiftungen, die auf zukünftige Spender*innen blicken: Die Bereitschaft, für Frauenrechte und Gleichstellung zu spenden, ist stark altersabhängig. Unter 16- bis 19-Jährigen spenden 13,2 Prozent für dieses Thema – bei den über 65-Jährigen sind es nur 1 Prozent.

Female Philanthropy ≠ Feminist Philanthropy

Die Studie macht außerdem auf einen konzeptionellen Unterschied aufmerksam, der für Stiftungen und Förder*innen relevant ist: Frauen, die philanthropisch aktiv sind, fördern nicht automatisch feministische Anliegen.

Dem geringen Angebot steht ein riesiger Bedarf gegenüber

Was abstrakte Zahlen in der Praxis bedeuten, macht das RISE-Programm von filia sichtbar: Das Förderprogramm in Deutschland (Offene Ausschreibung 2025) war um 995 Prozent überzeichnet. Das bedeutet, beantragt wurden 5,52 Millionen Euro – bewilligt werden konnten 504.000 Euro. Von 381 als förderwürdig eingestuften Anträgen konnten nur 41 bewilligt werden. Diese Zahlen illustriert die strukturelle Förderlücke im Bereich feministische Zivilgesellschaft leider auf anschauliche Weise.

Was Stiftungen und Förder*innen jetzt tun können

Die Studie schließt mit konkreten Handlungsempfehlungen für den Philanthropiesektor:

  • Daten erheben: Interne Förderdaten systematisch nach Geschlechterrelevanz auswerten, um eine Grundlage für die Weiterentwicklung der Förderpraxis zu schaffen.
  • Anknüpfungspunkte identifizieren: Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsthema in bestehende Förderbereiche einbetten.
  • Gemeinsam handeln: Beteiligung an gemeinsamen Förderinstrumenten wie einem Pooled Fund.
  • Wissen aufbauen: Philanthropie-Beratung und Community of Practice nutzen, um Expertise zu feministischen Themen, Arbeitsweisen und Finanzierungsbedarfen zu stärken.
  • Forschung stärken: Die Kategorie „Geschlechtergerechtigkeit“ muss in alle relevanten Erhebungen und Umfragen aufgenommen werden.

FAQ: Häufige Fragen zur Finanzierung der feministischen Zivilgesellschaft in Deutschland

 

Wie viele Organisationen in Deutschland setzen sich für Geschlechtergerechtigkeit ein?

Laut Zuwendungsempfängerregister (Stand 2025) haben nur 0,6 Prozent aller eingetragenen Organisationen die Förderung der Gleichberechtigung als Satzungszweck. Der ZiviZ-Survey 2023 zeigt, dass 0,7 Prozent der zivilgesellschaftlichen Organisationen Frauen und Mädchen als alleinige Zielgruppe nennen.

Wie viel wird in Deutschland für feministische Arbeit gespendet?

Nur 4,1 Prozent der privat Spendenden in Deutschland geben für Frauenrechte und Gleichberechtigung (Deutscher Spendenmonitor 2025). Das Thema rangiert damit deutlich hinter anderen Spendenzwecken wie Tierschutz oder Gesundheit.

Welche Altersgruppe spendet am häufigsten für Frauenrechte?

Junge Menschen: 13,2 Prozent der 16- bis 19-Jährigen geben für Frauenrechte und Gleichstellung – der höchste Anteil aller Altersgruppen. Bei den über 65-Jährigen sind es nur 1 Prozent.

Wie groß ist die Finanzierungslücke bei feministischer Förderung?

Das RISE-Programm von filia.die frauenstiftung war für 2025–2026 um 995 Prozent überzeichnet: 5,52 Millionen Euro wurden beantragt, 504.000 Euro bewilligt. Von 381 förderwürdigen Anträgen konnten nur 41 finanziert werden.

Was ist der Unterschied zwischen Female Philanthropy und Feminist Philanthropy?

Female Philanthropy beschreibt das philanthropische Engagement von Frauen – unabhängig vom Thema. Feminist Philanthropy bezeichnet gezielte Förderung von Geschlechtergerechtigkeit und feministischen Anliegen. Frauen, die spenden oder Stiftungen gründen, fördern nicht automatisch feministische Zwecke.

Wer hat die Studie zur feministischen Zivilgesellschaft in Deutschland durchgeführt?

Die Studie wurde von einem Konsortium aus dem Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft, FAIR SHARE of Women Leaders e.V., filia.die frauenstiftung und Karin Heisecke (Änderwerk) durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden beim Deutschen Stiftungstag im Mai 2026 vorgestellt.

Die wissenschaftlichen Berichte zu den verschiedenen Schwerpunkten der Studie werden in den kommenden Monaten vom Maecenata Institut herausgegeben.