Kaffeesatzlesen: ein uraltes feministisches Ritual
Was haben Armenien, eine Beiruter Großmutter und feministische Aktivist*innen gemeinsam? Eine Tasse Kaffee – und das Empowerment, das darin steckt.
Wenn armenische Männer den Raum verlassen, sobald sich Frauen mit Kaffeetassen zusammensetzen, dann hat das einen Grund. Kaffeesatzlesen gilt dort als Frauending. Es ist ein Ritual von Frauen, für Frauen – ein jahrhundertealter Safe Space.
Was hierzulande gerne als Wahrsagerei abgetan wird, hat in den Ländern des Kaukasus und des Nahen Ostens tiefe Wurzeln. Und eine Frau, die wir bei filia unterstützen, zeigt wie diese Tradition schon immer auch ein feministisches Werkzeug sein konnte: Lara Aharonian, Menschenrechtsaktivistin, Gründerin des Women’s Resource Centre in Jerewan – und Kaffeesatzkundige.
Woher kommt das Kaffeesatzlesen?
Das Ritual entstand im 17. Jahrhundert im Osmanischen Reich. Dickflüssiger Mokka eignet sich am besten dafür, weil er beim Trinken einen satten Bodensatz hinterlässt. Die Idee: Bestimmte Symbole und Bilder, die der Kaffeesatz beim Trocknen bildet, werden als Botschaften interpretiert.
Lara beschreibt es so: Auf dem Boden der Tasse sieht man die Vergangenheit, in der Mitte die Gegenwart, oben die Zukunft. Dort zeigen sich emotionale Botschaften ebenso wie finanzielle Prognosen. Symbole wie Mond oder Hund haben dabei sowohl eine traditionelle als auch eine feministische Deutung – denn Lara liest immer beide.
Eine Großmutter, ein Genozid, eine Tradition
Lara Aharonian ist in Beirut geboren. Als sie drei Jahre alt war, begann 1975 der Bürgerkrieg. Aufgewachsen im kriegsgeprägten Libanon und später in Kanada, entwickelte sie ein tiefes Interesse für Feminismus und Frauenrechte – und trug die Erinnerung an ihre Großmutter in sich.
Diese Großmutter hatte den Genozid an den Armenier*innen zwischen 1915 und 1923 überlebt und war in den Libanon geflohen. Das Ritual des Kaffeesatzlesens hatte sie mitgenommen: Sie lud regelmäßig Freundinnen und Nachbarinnen zum Frühstück ein, saß stundenlang mit ihnen zusammen und las aus ihren Kaffeetassen.
Lara beobachtete als Kind genau, was in diesen Momenten geschah. Die Frauen kamen aus der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit in der Fremde. Sie tranken gemeinsam Kaffee, schöpften Zuversicht aus den Tassen. Sie konnten ganz frei über unterschiedlichste, teils heikle oder tabuisierte Themen sprechen. Es war ihr Safe Space.
Vom Kaffeesatz zum Aktivismus
2003 zog Lara mit ihrer Familie nach Armenien und gründete in Jerewan das Women’s Resource Centre – eine Organisation, die für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Selbstbestimmung und Gesundheit kämpft.
Auf der Suche nach Möglichkeiten, Frauen in Armenien einen geschützten Raum für ihre Geschichten zu geben, erinnerte sie sich an die Tradition ihrer Großmutter. In Armenien komme man nicht mit Coachings oder Trainings weiter, erklärt Lara – das sei ein westlicher Ansatz. Kaffeesatzlesen dagegen ist ein vertrautes Ritual. Also begann sie, Frauen zu besuchen und Kaffeesatzlesungen anzubieten. Sie musste nur an der Tür klingeln und den Grund ihres Besuchs nennen – schon konnte sie mit den Frauen allein sprechen.
Das funktionierte. Die Frauen öffneten sich, sprachen über Ehen, Konflikte, häusliche Gewalt. Das Kaffeesatzlesen war der Eisbrecher. Lara verteilte Info-Blätter und klärte über Rechte auf.
Wie ein feministisches Coffee-Cup-Reading funktioniert
Ein feministisches Kaffeesatzlesen mit Lara beginnt mit einer Jazve, einer armenischen Kaffeekanne, in der der Kaffee aufgekocht wird. Die kleinen Tassen, die sie benutzt, hat sie aus ihrer Geburtsstadt Beirut mitgebracht – innen weiß beschichtet, damit sich die Bilder im Kaffeesatz besser entziffern lassen.
Die Frauen trinken ihren Kaffee. Es gibt getrocknete Früchte, Kekse, Datteln, Halva und fröhliche Gespräche. Dann werden die Tassen umgedreht und auf einem kleinen Teller abgestellt, sodass der Kaffee an den Seiten langsam herunterläuft und Bilder malt.
Was dabei entsteht, wird mit zwei Blickwinkeln gedeutet: dem traditionellen und dem feministischen. Das öffnet Raum für sensible Themen – Gewalt, Ängste, Traumata. Alles, was die Frauen bedrückt. Aber auch für Positives und Verbindendes. So wird ein Ritual zum feministischen Erbe und zur intergenerationellen Fürsorge.
Lara hat das Kaffeesatzlesen auch in Heilsitzungen integriert – für Frauen, die Gewalt erlebt oder ihre Existenz verloren hatten. Gemeinsam mit Gohar Shahnazaryan gründete sie 2018 den Women’s Fund Armenia, eine spendenbasierte Förderorganisation 40 Minuten von Jerewan entfernt, wo Heilsitzungen, Workshops und Zusammenkünfte stattfinden.
Was das mit filia zu tun hat
Die patriarchalisch geprägte armenische Gesellschaft sieht für Frauen meist Haushalt und Familie vor. Söhne werden oft bevorzugt, während es vielen Mädchen an Zugang zu Bildung oder Aufklärung fehlt. Gewalt und sexuelle Übergriffe sind allgegenwärtig. Seit einigen Jahren entwickelt sich eine feministische Bewegung – und Aktivist*innen wie Lara Aharonian sind ihr Herzstück.
filia arbeitet mit der armenischen Frauenstiftung zusammen, um empowernde Praktiken zu stärken und voneinander zu lernen. Denn nur in einem starken Netzwerk können wir uns weiter für Geschlechtergerechtigkeit und Teilhabe einsetzen. Dass Aktivist*innen sich dieser uralten Technik bedienen, um Frauen aus patriarchalen Strukturen zu befreien, ist nicht nur extrem klug, sondern auch nachhaltig. Und für so machen Frau lag im Kaffeesatz der Anfang ihres Kampfes für ein selbstbestimmtes Leben.
Mehr über Armenien & die Region
Armenien liegt im Südkaukasus. Die Region grenzt an große geopolitische Mächte: Russland, die Türkei und den Iran. Lokale Aktivist*innen beschreiben die Region als hochentzündlich, beschreiben Repressionen (wie in Georgien und Aserbaidschan) und Angst vor Krieg sowie die Fragilität der politischen Beziehungen mit der Türkei und Aserbaidschan. filia arbeitet seit der Gründung der armenischen Frauenstiftung 2018 eng mit ihnen zusammen und investiert in die zivilgesellschaftlichen Netzwerke vor Ort. Im aktuellen Programm Resilienz unterstützt filia u.a. Engagierte aus Armenien, damit sich diese mit Widerstandskraft und Durchhaltevermögen weiterhin für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen können.
Zum Women’s Fund Armenia: https://womenfundarmenia.org/
© Foto von Nour Alhoda

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