Maren Kroymann über Feminismus

Interview: Maren Kroymann über Feminismus, filia und was ihr jetzt Mut macht

Zum 25-jährigen Jubiläum darf sich filia über den Zuspruch von Maren Kroymann freuen. Ihre Arbeit als Satirikerin, Schauspielerin, Sängerin, Entertainerin, ihr feministisches Engagement und ihr Einsatz für die LGBTIQ+-Community trugen ihr zahlreiche Auszeichnungen ein. Wir haben gesprochen über Frauenbild, Empowerment, die aktuelle Debatte um Gewalt und wollten wissen, was ihr heute Mut macht.

Welche Art von Empowerment hätte Ihnen als Mädchen und junge Frau geholfen?

Ich bin behütet groß geworden, in einer Familie, in der für mich als Mädchen Bildung selbstverständlich war. Daher hatte ich anfangs gar kein Bewusstsein für Diskriminierung. Ich habe eigentlich erst in der Pubertät verstanden, dass Frauen und Mädchen ungerecht behandelt werden.

Foto von der Schauspielerin Maren Kroymann
© Christine Rogge

Mir wurde klar – also, ich rede von den 1950er Jahren – dass Jungs mehr wert waren als Mädchen – nicht bei mir im Familienkreis, aber in der Gesellschaft. Söhne zu haben war ein Geschenk. Töchter zu haben kam immer mit der Sorge, sie irgendwann gut verheiraten zu müssen. Frauen galten entweder als schön, aber doof. Oder klug, aber hässlich. Ich wollte beides: Ich wollte gut in Latein sein und gut Ballett tanzen können.

Ich hatte ja zu Hause eine Mutter, die promoviert war, aber das war eben Mutti und galt irgendwie nicht für das Ganze. Ich hätte mir gewünscht, mehr mächtige, intellektuelle, starke Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen. Frauen, die Gestalterinnen sind, die ihr Know How wirksam für die Gesellschaft einsetzen. Und auch das entsprechende Ansehen genießen. Aber solche Rolemodels waren in den 50er Jahren die absolute Ausnahme. Ich erinnere mich, das muss Anfang der 60er gewesen sein, dass die große Kabarettistin Lore Lorentz in mein Bewusstsein kam. Sie war die einzige intellektuelle Frau in Deutschland, an die ich mich in dieser Zeit erinnere. Genau deshalb habe ich angefangen, übers Frauenbild zu arbeiten und in meinem Programm die Schlager der 50er Jahre parodiert.

Was können wir tun, damit hart erkämpfte Rechte nicht wieder einkassiert werden?

Offensiv sein, auf selbstverständliche Weise selbstbestimmt leben, uns als die zeigen, die wir sind. Keinen Zentimeter zurückweichen hinter den Stand an Gleichberechtigung, den wir erreicht haben. Das ist auch für die Gesellschaft als Ganzes gut. Wir müssen schon bei jungen Männern das Bewusstsein dafür schärfen, dass die klassische Männerrolle nicht ihre Rettung ist. Ihnen klarmachen, dass sie auch von der Kraft profitieren, die entsteht, wenn Frauen gleichberechtigt beteiligt sind.

Es ist gut, dass im Moment das verstörende Verhältnis zur Gewalt endlich auf die Tagesordnung kommt. Viele Männer halten sowas wie das Erstellen von sexualisierten Deepfake-Videos für normal. Dass wir ein Problem mit Gewalt gegen Frauen haben, ploppt nur hoch, wenn es sensationsfähig ist. Das sehen wir an Fällen wie Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes. Wir müssen uns grundsätzlich fragen: Möchten wir eine Gesellschaft sein, in der Frauen Gewalt hinnehmen müssen? Nein. Es wäre schön, wenn auch unsere Spitzenpolitiker*innen einen Hauch von Bewusstsein dafür entwickeln würden.

Was macht Ihnen Mut?

Na, zum Beispiel der Mut der beiden eben genannten Frauen: Pelicot und Fernandes! Mir macht Mut, dass es inzwischen so viele Frauen gibt, die sichtbar sind mit ihrer Kraft, ihrem Charisma, ihren Ideen. Frauen, die mit einer klugen Nutzung von Social Media eine Bewegung anstoßen. Früher mussten Frauen gut aussehen, um überhaupt vor eine Kamera gelassen zu werden. Ich nenne es die „Erotik-Hürde“, die Frauen überwinden mussten, um von männlichen Redakteuren ins Programm aufgenommen zu werden. Es ist zwar auch heute noch vorteilhaft, mainstreamkompatibel attraktiv zu sein – aber im Internet sind wir nicht mehr auf die Zustimmung von männlichen Entscheidern angewiesen, um ein eigenes Format zu lancieren.

Mut macht mir auch, dass wir Feministinnen heute andere Bündnisse schließen – alles was unter queer zusammenzufassen ist, auch das non-binäre ebenso wie die migrantische Identität, das Leben mit Behinderung, verschiedene Ethnien und Religionen. In den 70ern ging es viel um Solidarität, heute gibt es den Begriff Allyship – in meinem Denken ist etwas Ähnliches gemeint. Wichtig ist: dass man über den eigenen Tellerrand hinaus unterstützt.

Was wünschen Sie filia?

Ich wünsche filia, dass ganz viele Menschen begreifen, wie wichtig die Bewegungen sind, die filia unterstützt. Und ich wünsche, dass auch Männer begreifen, wie wichtig Feminismus für uns alle ist. Oft passiert das ja erst, wenn sie selbst Väter von Töchtern sind. Ich wünsche, dass Feminismus zum Grundwissen gehört und dass feministische Ziele Allgemeingut werden.