Die feministische Wiederbelebung eines Kulturzentrums
In Markovac, einem kleinen Ort eineinhalb Autostunden von Belgrad entfernt, ist in den letzten Jahren etwas Außergewöhnliches entstanden: ein feministischer Kulturraum mit Kunst- und Bildungsangeboten und der Möglichkeit, sich als Gemeinschaft zu verbinden. Mitten im ländlichen Raum, der ansonsten wenig kulturelle Infrastruktur für seine Bewohner*innen zu bieten hat, kämpft eine Gruppe von Frauen für die Wiederbelebung des alten Kulturzentrums.
„Fußball oder Kirche, das waren über viele Jahre die einzigen Angebote, die junge Menschen hier wahrnehmen konnten. Das Kulturzentrum, das zu jugoslawischen Zeiten so wichtig für die Gemeinschaft gewesen war, war einfach zerfallen und vergessen. Der Mangel an Kultur hat Spuren hinterlassen: Mitzumachen, zu lesen, Theater zu spielen, gemeinsam Filme zu schauen – all das muss die Gemeinschaft erst wieder lernen“, so Andjelka, eine der Gründerinnen des Cultural Centres Markovac.
Kollektive Erinnerung wecken
Mit Filmvorführungen im alten Kino starteten die Frauen die Wiederbelebung des Kulturlebens. Doch der Neuanfang wurde zunächst mit Skepsis betrachtet: Was machte diese Gruppe von Frauen dort? Was war das für ein Verein, der Literatur und Kunst zurück aufs Land holt? In Serbien werden Nichtregierungs-Organisationen oft misstrauisch beäugt. Nicht zuletzt, weil staatliche Medien meist negativ über NGOs berichten und ihre Arbeit diskreditieren. Doch die Bewohner*innen von Markovac waren neugierig und wollten wissen, was bei ihnen im Dorf passiert.
Was sie im Kulturzentrum erlebten, gefiel ihnen und weckte die kollektive Erinnerung an den Ort, der bereits zu Zeiten Jugoslawiens ein Treffpunkt für ihre Eltern und Großeltern war. „Das alte Kulturzentrum ist die beste Werbung für das, was wir hier aufbauen. Die Menschen kennen und vertrauen dem Ort und das überträgt sich auf unsere Arbeit.“, erzählt Andjelka. Inzwischen bespielt die Gruppe in einem Wohnhaus am Rande von Markovac, das Andjelkas Tante gehörte, einen weiteren Standort. Hier betreibt sie eine Bibliothek und lädt Künstler*innen und Bewohner*innen in den weitläufigen Garten und die renovierte Scheune zu Theaterprojekten ein.
Poesie aus der Bibliothek im Container
Du betrittst die Bibliothek und
Du bist Schriftsteller*in,
Du bist Leser*in,
Du bist Denker*in,
Du bist Träumer*in,
Du bist Forscher*in,
Du bist Abenteurer*in,
Du bist Erzähler*in.
DU BIST DER GRUND, WARUM BÜCHER LEBEN.
Bibliothek im Container
Noch ländlicher liegt eine weitere „Außenstelle“ am Rande eines 800-Seelen-Dorfes. In einem Container, ebenfalls Privatbesitz einer der Frauen und etwa 20 Autominuten von Markovac entfernt, befindet sich eine kleine, gemütliche Bibliothek mit genug Raum für Gespräche und Kreativangebote. „Bibliotherapie – so heißt unser beliebtestes Angebot. Wir lesen gemeinsam kurze Texte und sprechen dann darüber. Jede kann ihre individuellen Erfahrungen und Gedanken einbringen. Wenn sich eine Frau öffnet, trauen sich auch die anderen.“, erzählt Sandra, Bibliothekarin und Besitzerin des Containers.
Um die Frauen des Dorfes für das Angebot zu gewinnen, musste Sandra eine Hürde überwinden. Oft sind die Frauen so in die Arbeit im Haushalt und in der Landwirtschaft eingebunden, dass ihnen wenig Freizeit bleibt. Sandra, die auch als Lehrerin im Dorf arbeitet, ging daher von Tür zu Tür und bat die Männer, für einen Abend die Arbeit ihrer Frauen zu übernehmen. Bei so viel Autorität der jungen Lehrerin sagte niemand nein – und die Bibliotherapie konnte starten. „Es nehmen aber auch Männer unsere Angebote wahr, zum Beispiel, wenn wir Schmuck herstellen. Und natürlich die Kinder. Wir haben 20 Kinder hier im Dorf, 15 davon kommen regelmäßig in die Bibliothek. Die anderen spielen lieber Fußball.“, lacht Sandra.
Staatliche Einschüchterung
„Wenn Menschen sich außerhalb staatlicher Strukturen verbünden, kriegt die Regierung Angst. Gemeinschaft, Engagement, Solidarität – die Regierung befürchtet einen Kontrollverlust und reagiert mit Abschreckung und Einschüchterung.“, berichtet Natasa von der serbischen Frauenstiftung Reconstruction Women’s Fund RWF. Auch in Markovac schaut der serbische Verfassungsschutz genau hin. Die Frauen müssen ihre Zahlen offen legen, in den Theater-Vorstellungen sitzt der Verfassungsschutz im Publikum. Zudem rechnet die Gruppe damit, die Nutzungsgenehmigung für das Kulturzentrum jederzeit und willkürlich entzogen zu bekommen. „Erst dachten wir, dass uns das zu anstrengend ist. Wir waren kurz davor, unsere Aktivitäten im Kulturzentrum wieder einzustellen. Aber dann dachten wir: Nein, das ist ein Ort für die Menschen von Markovac. Wir bleiben hier.“
Bildbeschreibung (im Uhrzeigersinn): Galina vom Reconstruction Women’s Fund; die filia-Reisegruppe vor dem Bibliotheks-Container, dem Citaonica – Lesesaal; Blick ins alte Kulturzentrum aus dem Kino-Projektorraum; Lesecke in der Bibliothek in Markovac
Notiz: Als wir im September 2025 mit einer Gruppe von filia-Geberinnen in Serbien unterwegs waren, konnten wir die Gründerinnen des Cultural Centres Markovac treffen und gemeinsam die verschiedenen Orte besuchen. Unterstützt wird das Cultural Centre Markovac u.a. vom RWF. 2023 und 2024 erhielt RWF dafür über filia vermittelte Gelder vom Auswärtigen Amt. Auch in Serbien wird ein „Foreign Agents Law“ diskutiert, das Organisationen sanktioniert, die Gelder aus dem Ausland erhalten.
