„Ohne Frauen macht das alles keinen Sinn.“ – Friedensbildung in Bosnien

filia war auf Reisen. 15 filia-Frauen – filia Geberinnen, Gremienmitglieder und aus dem filia-Team – waren gemeinsam mit Carolyn Boyd-Tomasovic, Ecumenical Women’s Initative, zu Besuch in Bosnien und Herzegowina. Dort trafen sie Graswurzelorganisationen und feministische Aktivist*innen und sprachen über den Kampf der Menschen in Bosnien für ein friedliches Miteinander.

Wie war’s?

„Wie war’s?“ Wer von einer Reise zurückkommt, kennt diese Frage. Was antworten wir, wenn die Reise in eine Region geführt hat, die auch über 30 Jahre nach einem Krieg noch von Zerstörung und Mangel gezeichnet ist? Und deren Menschen so gastfreundlich sind, dass auch das fünfte Baklava noch gut schmeckt? Wenn wir mit Frauen gesprochen haben, die im Krieg das Schlimmste erlebt haben, und die jetzt mit überwältigender Kraft für eine bessere Zukunft kämpfen? Wenn wir gehört haben, wie Politiker mit hasserfüllter Rhetorik den Zusammenhalt zerstören, den die Menschen vor Ort sich mühsam aufgebaut haben? Wenn wir erlebt haben, wie selbstverständlich eine Gesellschaft mit religiöser Vielfalt umgeht?

Es war toll. Es war schwer. Es war lustig. Es war klug. Es war viel. Auf jeden Fall war es unglaublich bereichernd, den unterschiedlichen Frauen zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Aktivist*innen kämpfen für ein friedliches Miteinander

Vier Tage lang dauerte die Reise vom kroatischen Split ins ländliche Bosnien bis in die Hauptstadt Sarajevo. Vier Tage, in denen die filia-Reisegruppe sich mit ganz unterschiedlichen Frauen austauschte: alte und junge, Christ*innen und Muslima, Frauen vom Land und Frauen aus der Großstadt. Einige von ihnen und ihre Projekte stellen wir hier vor.

Hintergründe

Bosnien und Herzegowina besteht aus den beiden Teilen Föderation Bosnien-Herzegowina und Republika Srpska.

Von 1992 bis 1995 herrschte Krieg: Mehr als 100.000 Menschen wurden getötet. Vergewaltigungen waren Teil der systematischen Kriegsführung.

Bosnien-Herzegowina ist durch die Machtkämpfe ethnopolitischer Parteien tief gespalten. Der gemeinsamen Aufarbeitung der Vergangenheit sind enge Grenzen gesetzt.

Dennoch gibt es auf zivilgesellschaftlicher Ebene zahlreiche Initiativen, die sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.

(Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Ecumenical Women’s Initiative)

Danka Delić und Jasminka Borković

Einige der ländlichen Regionen Bosniens sind noch stark vom Krieg gezeichnet. Die Gemeinde Bosansko Grahovo wurde im Krieg fast völlig zerstört, der Wiederaufbau läuft schleppend. Inzwischen ist die Zahl der Einwohner*innen von 9.000 in den späten 1990er Jahren auf 2.500 gesunken. Im letzten Jahr gab es nur eine einzige Geburt in Bosansko Grahovo. Danka Delić und die von ihr gegründete Organisation half, die Stadt nach Kriegsende aufzubauen. Noch immer liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Verbesserung der Lebensqualität von Frauen und Mädchen in ländlichen Gebieten, ihrer Sicherheit und Unabhängigkeit. Mit ihrem Team setzt sich Danka dafür ein, Frauen zu empowern und ihnen durch Weiterbildung Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. „Dies ist ein Ort der kleinen Leute, aber der großen Schöpferinnen,“ sagt Danka, wenn sie auf die letzten Jahre zurückblickt. In Bosansko Grahovo gibt es inzwischen wieder eine Apotheke und ein Restaurant, das dank Dankas Organisation von einer Frau geführt wird.

Jasminka Borkovic aus der Nachbargemeinde Livno hat die Organisation Li-Women gegründet, die sich unter anderem weiterhin für ein friedliches Miteinander der ethnischen Gruppen einsetzt. Wenn Jasminka auf die Zeit unmittelbar nach dem Krieg zurückblickt, stellt sie fest: „Es gab sie, es gab uns. Es gab kein Wir.“ Um dieses „Wir“ zu stärken, setzt Li-Women vor allem auf das Empowerment von Frauen auch in Bezug auf politische Ämter. Denn es seien vor allem die patriarchalen Politiker, die polarisieren und Hass schüren, um ihre Macht zu sichern. Diese spalterische Politik möchte Li-Women ändern, indem mehr Frauen mit feministischem Anspruch in die Politik kommen. „Wenn wir hartnäckig bleiben, wird uns das gelingen.“

Esma Drkenda und Amina Sarajlić

„Es gibt so viele Geschichten. Die, die am schwierigsten zu erzählen ist, ist die eigene.“ So leitet Esma, die langjährige Leiterin der Organisation Seka Gorazde, das Gespräch über ihr Leben vor, während und nach dem Krieg ein. Gorazde ist eine Kleinstadt an der Grenze zu Serbien, die während des Kriegs über 3 Jahre lang von serbischen Kämpfern besetzt war. 7.000 Menschen verloren ihr Leben, darunter viele Frauen und Kinder. „Ich kam aus dem Horror des Krieges in den Horror des Friedens. Unsere Körper wurden verarztet, unsere Häuser und Straßen wiederaufgebaut. Aber niemand kümmerte sich um unsere Seelen.“ Mit Hilfe der Organisation Seka, die sich in Hamburg gegründet hatte, um traumatisierte Frauen in Bosnien psychologisch zu unterstützen, konnte Esma wieder Mut fassen – und baute Seka Gorazde mit auf. Die langjährige Leiterin übergibt die Organisation nun an ihre Nachfolgerin Amina Sarajlić. Die junge Frau, die in der Nachkriegszeit in Gorazde groß geworden ist, weiß, dass die Wunden des Kriegs bei vielen Betroffenen auch über 30 Jahre später noch frisch sind. Auch deshalb beschäftig sich Seka Gorazde mit transgenerationellen Traumata – also Traumata, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. „Wir arbeiten mit der Kommune zusammen und versuchen, das Thema in Schulen unterzubringen. Aber unsere Gesellschaft ist nicht besonders empathisch.“ Die Aktivist*innen und Therapeut*innen von Seka Gorazde kämpfen trotzdem voller Hoffnung weiter.

Sehija Dedović, Amra Pandžo, Emina Frljak und Zilka Spahić Šiljak

Mit Sehija, Amra, Emina und Zilka haben wir bei einer Podiumsdiskussion in Sarajevo vier Frauen getroffen, die zusammen nicht klüger, inspirierender, humorvoller und stärker sein könnten. Die vier Frauen arbeiten jeweils in Organisationen, die sich für interreligiösen Dialog einsetzen und Feminismus aus der Perspektive von Religionsgemeinschaften betrachten. Denn in einem Land, in dem Glaube ein wichtiger Bestandteil des Lebens der Menschen ist, wird säkularisierter Feminismus die Menschen nicht erreichen, bestätigen die vier.

„Wir bedienen uns religiöser Narrative, um mit ihnen Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gemeinschaft zu vermitteln,“ erzählt Zilka. Sie hält regelmäßig Seminare an Universitäten zu interreligiösen Themen. Menschen aller Glaubensrichtungen nehmen an Zilkas Seminaren teil. Es ist wichtig, vor allem die Position der Frauen zu stärken, wenn es um Interreligiosität und Friedensbildung geht, bestätigt auch Amra. „Ohne Frauen macht das alles keinen Sinn.“ Um die Position der Frau in Religionsgemeinschaften zu stärken, wird ihr Ton auch manchmal deutlich: „Wir sind nicht höflich. Mit Höflichkeit veränderst du die Welt nicht.“ Auch darüber, dass Friedensprozesse einen langen Atem brauchen, waren sich die Frauen einig. So Emina: „Frieden ist nicht etwas, das man aufbaut und dann hat man ihn. Frieden ist ein Prozess.“

Weitere Infos zu den vier Frauen gibt es hier (auf Englisch)!

filias Geberinnen-Reisen

Mit der Geberinnen-Reise bringt filia einmal jährlich filia-Stifterinnen und -Unterstützerinnen mit Förderpartner*innen in Mittel- und Osteuropa zusammen. Etwa 10-15 Frauen besuchen gemeinsam mit Kolleg*innen aus der filia Geschäftsstelle unsere Projektpartner*innen vor Ort. Die Geberinnen-Reise verbindet das Kennenlernen von Aktivist*innen mit einer zweckgebundenen Spende. Jede Mitreisende sagt eine Spende zu, die filia zu 100% an die Partner*innen vor Ort weiterleitet. Für die Ecumenical Women’s Initiative, die Gastgeber*in der diesjährigen Reise war, kamen so 39.000 Euro als freie Spende zusammen. Danke an alle Mitreisenden, die dazu beigetragen haben! Und danke an das Team der Ecumenical Women’s Initiative für die großartige Programmzusammenstellung und Begleitung!