Was wurde aus unseren Spenden? Nachhaltige Wirkung der Geberinnen*-Reise nach Serbien

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Foto: Centre for Public History, Belgrad

Seit 2015 gibt es bei filia Geberinnen-Reisen nach Mittel- und Osteuropas mit zwei Zielen:  Die Frauen* können vor Ort die Situation verstehen lernen – direkt im Kontakt mit den Aktivistinnen* und jede Mitreisende verpflichtet sich zu einer Projektspende. Manchmal wird auch mehr daraus. Im Oktober 2018 brachen acht filia-Förderinnen* und Geschäftsführerin Sonja Schelper zu einer selbst organisierten Geberinnen*-Reise nach Belgrad auf. Sie besuchten dort unter anderem die Organisation von Roma-Frauen* „Darje“ (Mutter), die damals von filia mit einer dreijährigen strategischen Förderung unterstützt wurde. Vor Kurzem konnte – zu unserer großen Freude – durch unsere Empfehlung die Arbeit von Darje für weitere drei Jahre gesichert werden.

Begleitet und koordiniert wurde die Reise von Frauen* des Reconstruction Women’s Funds RWF, einer Schwesterstiftung, mit der filia seit Jahren im Internationalen Frauenstiftungsnetzwerk Prospera verbunden ist.

„Unsere Mission ist die Unterstützung und Aufrechterhaltung der feministischen politischen Plattform gegen Krieg, Nationalismus, Rassismus, Militarismus und jede Form von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen.“ Der selbst formulierte Auftrag vom Reconstruction Women’s Fund ist unmissverständlich und kraftvoll. Vier Nichtregierungsorganisationen gründeten 2004 –knapp 10 Jahre nach den Kriegen im Balkan – die kleine, sehr aktive Frauenstiftung.

Situation im Land – mit Sorge um die Demokratie

Diese Reise ist nun 2 ½ Jahre her. Damals spendeten die acht Frauen* insgesamt 20.430 Euro, die dann als Förderung von filia an den Reconstruction Women’s Fund (RWF) in Belgrad gegeben wurden, voller Vertrauen, dass sie die richtigen Förderentscheidungen treffen werden.

Die Situation beschrieb der RWF zu Beginn des Jahres 2019 so: Frauen- und Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung, die Bevölkerung hatte schon lange das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und Medien verloren. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche beteiligte sich an Anti-Abtreibungs-Kampagnen und bezeichnete Frauen*, die sich für eine Abtreibung entschieden hatten, als „Massen-Mörderinnen“. Traditionalisten verbündeten sich mit rechten Kräften, Frauenrechte wurden als Zerstörerin der guten alten Traditionen und „familienfeindlich“ diffamiert. Antifeministen agieren überall auf der Welt mit ähnlichen Argumenten und gegen eine freiheitliche Demokratie.

Dazu kam die hohe Armuts-/und Arbeitslosenrate von der besonders mehrfach-diskriminierte Frauen* wie zum Beispiel aus der Roma-Community betroffen waren. Häusliche Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* nahm zu.

Bestehende Gesetze und internationale Konventionen werden seitens der Regierung nicht respektiert. Auch in Serbien werden Frauen- und Menschrechtsorganisationen zunehmend kriminalisiert und als „westliche Spione“ bezeichnet, wenn sie Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Aber Landesmittel stehen nicht zur Verfügung.

Großes Spektrum feministischer Ideen und Aktivitäten von Frauen*

Frauen*stiftungen sind oft die einzigen Unterstützerinnen* kleiner Basisgruppen im Land. Mit den 20.430 Euro unterstützte das RWF „die feministisch-politische Plattform in Serbien“:  „filias Unterstützung hat uns geholfen, an mehreren Fronten zu arbeiten, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und in die Zukunft zu blicken.“

Diese fünf Projekte erhielten Mittel für ihre Arbeit:

  1. Knapp die Hälfte der Mittel ging an „Roza“ – eine Organisation in der Kleinstadt Zrenjanin. Roza ist Zusammenschluss, der sich für Frauen*-Arbeitsrechte einsetzt. Hier sehen wir sie bei Aktionen gegen einen Lokalpolitiker, der wegen sexueller Belästigung einer Kollegin* angezeigt wurde. Roza hat es sich zur Aufgabe gemacht, Strategien für erfolgreiche Arbeitskämpfe zu entwickeln. Mit Hilfe der Unterstützung durch filia konnte Roza diesen Arbeitsraum anmieten, so kontinuierlich an ihren Zielen weiterarbeiten und diese wirksamer an die Öffentlichkeit bringen. Erstmals wurde Roza auch von Gewerkschaften und den Medien wahrgenommen, zu zahlreichen relevanten Panels als Expertinnen* eingeladen. Ein großartiger Erfolg.

 

  1. Der Club of Fine Arts (CoFA) – eine Frauen*gruppe, die auf dem Lande Weiterbildung im Hausbau mit Naturmaterialien und der historischen Rolle der Baufachfrauen* betreibt – organisierte ein großes internationales Arbeitscamp: „Das kleine Dorf Moṧorin im Norden des Landes wurde durch die CoFA Aktivist*innen zu einer lebhaften selbstverwalteten Community, die Menschen aus mehr als 30 Ländern beherbergte und viele Teilnehmende mit Workshops u.a. zum Thema nachhaltiges Bauen und Naturarchitektur ins Thema führte.“ Die ausländischen Gäste wurden in lokalen Familien untergebracht, die Mahlzeiten im Kindergarten zubereitet. Mehr als 120 Kinder nahmen an täglichen Workshops teil, nebenbei wurde der Kindergarten neu gestrichen. So wurden auch Viel aus der Region eingebunden.

 

  1. Das Centre for Public History – macht die Geschichte von Friedensaktivist*innen während der Kriegsverbrechen in den 90ger Jahren sichtbar. In acht öffentlichen Veranstaltungen setzten sie sich u.a. mit den Verbrechen an albanischen Zivilist*innen auseinander, behandelten die Massengräber von Batajnica, die Bedeutung der kriegsverherrlichenden Belgrader Denkmäler ­ – aber auch die Anti-Kriegs-Bewegung und die Rolle von Frauen* darin. Gerade die jüngere Generation hat keinerlei Kenntnisse über die Widerstandsbewegung gerade von Frauen gegen die Kriegshandlungen. Und so konnten sie auch die monumentalen Denkmäler Belgrads nicht kritisch hinterfragen. Da alle Veranstaltungen in der Öffentlichkeit, an einem „Ort des Geschehens“ stattfanden, wurden nicht nur die 120 Teilnehmenden (zumeist Frauen*) erreicht – sondern auch Passant*innen, die immer wieder spontan ins Gespräch einstiegen. Nach den stark emotional wirkenden Spuren-Rundgängen gab es zahlreiche weitere Einladungen für neue Touren zur lokalen Geschichte: für Schüler*innen, Studierende, Aktivist*innen, Nachbarschaften, Dramatiker*innen…

 

  1. Die Workers‘ Commune Links werten auf einer Online-Plattform die Literaturproduktion Ex-Jugoslawiens aus. Sie filterten heraus, welche Themen unbenannt bleiben, die aber für eine Auseinandersetzung in einer post-traumatischen Gesellschaft wichtig sind. Das Projekt lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf Autor*innen, besonders auf junge Frauen*, die in ihren Schriften zum Kampf gegen Nationalismus, Militarismus und Rassismus aufrufen. Vor allem der jüngeren Generation wurde eine grundlegende Bildung und Auseinandersetzung mit diesen Themen vorenthalten. Ziel des Projektes ist es, ein intellektuelles Netzwerk auf zu bauen, dass das nationalistische Narrativ verändert.

 

  1. „Women Movementheißt das älteste feministischen Magazin in Ex-Jugoslawien. Anlässlich des 100. Geburtstag (Gründung 1920) erstellten Frauen von Women’s Movement 2020 eine Bibliographie des Magazins und sicherten so unterdrücktes und vergessenes feministisches Wissen, auch für Forschungszwecke im akademischen Kontext.
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