Wider aller Umstände: Wie ein rumänischer Verein für gleichgeschlechtliche Partnerschaften kämpft
Schon 2018 begann Georgi Țucan für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu kämpfen – nicht zuletzt für die eigene. Doch obwohl seit 2023 ein europäisches Urteil vorliegt, verschleppt die rumänische Regierung den Schutz gleichgeschlechtlicher Beziehungen und Familien. In mitten einer polarisierten Gesellschaft gründet Georgi den Verein [H] Brașov, den filia seit 2026 fördert – und erzählt wie sie trotz allem bewegende Fortschritte für die LGBTIQ+-Community erreichen.
Georgi Țucan schreibt die herzlichsten Emails. Die Updates aus Rumänien hellen jeden grauen Tag auf, denn sie strotzen vor Leidenschaft und Entschlossenheit. Georgi lebt in Brașov, der siebtgrößten Stadt Rumäniens. Rumäniens Verfassung verbietet gleichgeschlechtliche Ehe nicht ausdrücklich. Der Begriff für „Ehegatten“ ist nämlich geschlechtsneutral und lässt somit Spielraum für Interpretation. 2018 zielte ein Referendum darauf ab, diese neutrale Formulierung zu ändern, um LGBTQIA+ klar auszugrenzen. Dieses Referendum scheiterte.
Was bedeutete das gescheiterte Referendum – auch für dich persönlich?
Georgi: „Es ließ die Tür offen, dafür, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schließlich im Fall Buhuceanu und andere gegen Rumänien entscheiden konnte, dass der Staat gleichgeschlechtliche Beziehungen rechtlich schützen muss, etwa durch zivile Lebenspartnerschaften und/oder eingetragene Partnerschaften.
Das Urteil wurde am 25. September 2023 rechtskräftig. Meine Partnerin und ich waren Teil dieses Falls. Bereits 2018, als der Fall begann, gehörten wir zu den ersten Paaren, die zum Standesamt des Bukarester Sektors 1 gingen, um ihre Eheunterlagen einzureichen – nur um die unvermeidliche Ablehnung zu erhalten. Heute, Jahre nach diesem historischen juristischen Weg, hat Rumänien noch immer keine gesetzlichen Änderungen umgesetzt und keinen rechtlichen Schutz geschaffen.“
Obwohl das Referendum einen schmerzhaften Moment für die queere Community bedeutete, gründen sie die Initiative [H] Brasov. Mit anderen landesweiten Vereinen sammeln sie Unterschriften – trotz staatlicher Gleichgültigkeit und gesellschaftlicher Spannungen.
Erfolge für LBTIQ+ in Rumänien
Georgi: „Im Oktober 2023 gelang es uns endlich, [H] Brașov als rechtlich anerkannten gemeinnützigen LGBTQIA+-Verein einzutragen. Das war ein großer Erfolg für uns! Es war ein sehr langer, kostspieliger und zermürbender Prozess, der sich über sechs Gerichtsverhandlungen am Amtsgericht hinzog. Dieser Schritt ermöglichte es uns aber schließlich, größere Projekte zu verwalten und stabile Partnerschaften aufzubauen. Unsere offizielle Unterschrift kann nun Petitionen und offene Briefe an Ministerien, die Regierung usw. unterstützen. Das stärkt unsere institutionelle Stimme erheblich.“
Im Juli 2026 ereignete sich ein weiterer Meilenstein. [H] Brasov konnten staatlichen Stellen als Fachkräfte zu Gewaltbetroffenen beraten. Neben örtlicher Polizei, Kinderschutz und Rechtsanwält*innen wurden sie als verlässliche Partner*innen hinzugezogen. So konnten sie vermitteln: Häusliche Gewalt oder Missbrauch betreffen häufig die LGBTQIA+- Community. Insbesondere in Eltern-Kind-Konflikten, wenn die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität des Kindes abgelehnt wird, braucht es spezielle Kenntnisse und Schutz von amtlicher Seite.
Energie und Resilienz schöpfen die Engagierten aus der Gemeinschaft. Der Verein entwickelt sich inzwischen zu einem Knotenpunkt der Community in der Region. Sie organisieren Veranstaltungen, Workshops, Fußballtrainings, leichte Bergwanderungen und regelmäßige Selbsthilfegruppen (Supportgruppen).
Georgi: „Zu wissen, dass wir Türen öffnen und die Schutzbedürftigsten schützen, hat unserer Arbeit tiefen Sinn gegeben. Unsere Arbeit fühlt sich am sinnvollsten an, wenn Momente der Verletzlichkeit zu kollektiver Stärke werden. Etwa wenn die Teilnehmenden in unseren Supportgruppen oder bei Community-Treffen sich öffnen, ihre persönlichen Geschichten teilen und in einem urteilsfreien Raum Trost finden.“
Kraft aus der Community – und durch filias Unterstützung
Die Supportgruppe koordiniert die Psychologin Ramona Grigoriță.

Ramona: „Nur fünf Monate nachdem die Gruppe gestartet war, begann die Pandemie, und wir mussten unsere Präsenztreffen aussetzen. Ich erinnere mich, wie besorgt wir als Team waren, wie wir die Gruppe am Laufen halten könnten, vor allem, weil so viele Menschen aus der Community ihre Freund*innen und Wahlfamilien verlassen und in ihre Heimatorte zurückkehren mussten. Dank MozaiQ, einem anderen rumänischen Verein, konnten wir die Selbsthilfegruppe online weiterführen und sie so die nächsten 18 Monate eine eigene Community schaffen.“
Mit der Eröffnung des „Q Haus“, Brasovs erstem Gemeinschaftszentrum, im September 2022 nahm die Supportgruppe eine neue Form an und entwickelte sich weiter. Obwohl das Zentrum inzwischen geschlossen wurde, wächst die Gruppe weiter und schafft einen sicheren, unterstützenden Raum für die Community vor Ort.
Ramona: „Ein inklusives Umfeld, das die Vielfalt der Teilnehmenden innerhalb der LGBTQIA+-Community berücksichtigt, erfordert laufende Anpassungen. Unterschiede können hinsichtlich
Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, Alter, kulturellem Hintergrund, sozialem Status oder persönlichen Erfahrungen bestehen. Es ist wesentlich, dass sich jede Person respektiert, gehört und wertgeschätzt fühlt. Wenn jemand die Gruppe leichter, verbundener oder einfach in dem Wissen verlässt, gehört worden zu sein, spüre ich, dass die Arbeit wirklich etwas bewirkt.“
„Ohne eure Unterstützung hätten wir ganz real vor der Aussicht gestanden, unseren Rechtsstatus Anfang 2027 aufzulösen. Dank eurer finanziellen Unterstützung wurde diese Krise abgewendet.“ – Georgi Țucan
Wir warten jedenfalls sehnlichst und hoffnungsvoll auf die überschwängliche Nachricht, dass sich irgendwann die Bemühungen in ein neues Gesetz verwandelt haben. Bis dahin, Go [H] Brasov!
Unterstützen Sie mit uns noch mehr reales Empowerment und Wandel vor Ort.
Über die Förderung
[H] Brașov wird im Rahmen von filias Recommendation Program für Osteuropa, Südkaukasus und Zentralasien gefördert. In diesem Programm empfiehlt ein Beirat aus Engagierten und Expert*innen aus den Regionen (das sogenannte Recommendation Committee) Graswurzelgruppen, die strukturellen Wandel für Frauen, Mädchen und LBTIQ+ vor Ort bewirken.
