Nachhaltige Vermögensanlage: ein Gespräch über Wirkung und Verantwortung
Während Stiftungen mit ihren Fördergeldern die Welt verändern, arbeitet das Vermögen von Stiftungen am Finanzmarkt oft im Widerspruch zu den eigenen Werten. Wie brechen wir dieses Paradoxon auf? Sandra Güntner, Vorständin der Umweltstiftung Greenpeace, und Constanze Claus, stellv. Geschäftsführerin von filia.die frauenstiftung, fordern ein konsequentes Weiterdenken der Vermögensanlage. Ein Gespräch über Mut, Hebelwirkung und die Frage, warum Vermögen endlich laut für den Wandel werden muss.
Nachhaltige Geldanlage als Stiftungsauftrag
Constanze Claus, filia: Vermögensanlage und Stiftungszweck – wie hängt das bei der Umweltstiftung Greenpeace zusammen?
Sandra Güntner, Umweltstiftung Greenpeace: Für uns ist entscheidend, Vermögensanlage nicht losgelöst von unserem Stiftungszweck zu denken — sie ist Teil davon. Vermögen ist kein technischer Nebenstrang der Stiftungsarbeit, sondern integraler Teil unseres Auftrags. Es genügt heute nicht mehr, Kapital möglichst effizient zu vermehren und erst mit den Erträgen Wirkung zu entfalten.
Unser Leitbild ist die Total Asset Activation: Wir richten alle Ressourcen – Kapital, Netzwerke, Expertise und Förderpraxis – konsequent auf Wirkung aus. Vermögen verstehen wir nicht als neutralen Speicher, sondern als gestaltende Kraft. Oder zugespitzt: Es gibt kein unbeteiligtes Kapital – jeder Euro wirkt, die Frage ist nur in welche Richtung.
Darin sehe ich eine große Nähe zu filia: Auch ihr begreift Vermögen nicht allein finanziell, sondern als Hebel für strukturellen Wandel.

Sandra Güntner, Vorständin der Umweltstiftung Greenpeace
„Für filias Gründerinnen war es klar, dass nicht nur die Gewinne aus dem Stiftungsvermögen dazu beitragen sollen, das Leben von Frauen, Mädchen und LBTIQ gerechter zu machen, sondern auch das Vermögen selbst“
Ethisches Investment für Frauen: Anlagerichtlinien bei filia
Constanze Claus, filia: Ja, genau. Dass wir unser Vermögen als Hebel für Veränderung mitdenken, liegt in der DNA von filia. Vor 25 Jahren haben 9 Frauen filia gegründet und ihr privates Vermögen in die Stiftung investiert. Diese Frauen hatten ein genaues Gespür dafür, dass Vermögen zu haben immer mit Macht einher geht – und damit auch mit Verantwortung. Für sie war es also klar, dass nicht nur die Gewinne aus dem Stiftungsvermögen dazu beitragen sollen, das Leben von Frauen, Mädchen und LBTIQ gerechter zu machen, sondern auch das Vermögen selbst. Wir haben daher seit Jahren detaillierte Anlagerichtlinien, in denen wir definieren, wie wir investieren – und was für uns nicht in Frage kommt.
Fast die Hälfte unseres Vermögens ist in Aktien investiert. Wir haben strenge Ausschlusskriterien – Rüstung, Kinderarbeit, Modern Slavery. Fossile Energien – und eine Reihe von Positivkriterien, z.B. Diversitätsquote, Erneuerbare Energien. Auch wenn politisch gerade diskutiert wird, ob Investments in Waffen sinnvoll sein können oder ob Atomkraft vielleicht doch nachhaltig ist, würden wir da nicht mitgehen. Unsere klare Haltung schränkt die Auswahl an Aktien natürlich ein, aber unsere Zielrendite von 6% bei den Aktien haben wir im Durchschnitt der Jahre erreicht.
Welche Gewinnerwartung habt ihr?
Grüne Geldanlage und Rendite: Der „Zukunftswald“ als Beispiel
Sandra Güntner, Umweltstiftung Greenpeace: Zunächst ganz klassisch: Wir müssen unser Kapital real erhalten und Erträge erwirtschaften, um langfristig handlungsfähig zu bleiben. Das ist die Grundlage. Aber die entscheidendere Frage ist: Reicht es wirklich, wenn wir im Stiftungssektor über das gesamte Portfolio durchschnittlich vier oder fünf Prozent Rendite erzielen – und ausblenden, was dieses Kapital in der Welt bewirkt?
Aus meiner Sicht müssen wir Rendite über die finanzielle Rendite hinausdenken. Unser „Zukunftswald“ in Thüringen ist dafür ein zentrales Beispiel: Wir haben dort aus dem Stiftungskapital 280 Hektar geschädigte Fichtenmonokultur erworben und entwickeln sie gemeinsam mit unserem Partner Bergwaldprojekt e.V. zu einem resilienten, artenreichen Mischwald. Unser Anlagehorizont reicht dabei über viele Jahrzehnte. Die laufende Bewirtschaftung finanzieren wir aus Fördermitteln, zudem fließt die Wald-Expertise von Greenpeace ein.
Die Wirkung zeigt sich auf mehreren Ebenen: ökologisch in Biodiversität und CO₂-Bindung, aber auch sozial. Durch Freiwilligenwochen holen wir Menschen direkt in den Wald – das erzeugt eine kaum zu beziffernde gesellschaftliche Rendite. Darüber hinaus erzielen wir einen strukturellen Gewinn: Unser Projekt ist Lernort der Wald-Allianz, um das Modell in die Fläche zu skalieren. Und schließlich finanzieren wir eine neue Professur für die Ausbildung zukünftiger Forstmanager*innen.
Wir messen Erfolg also nicht nur in Prozentpunkten, sondern an der Frage: Setzen wir Impulse, die das System als Ganzes verändern?

Sandra Güntner von der Umweltstiftung Greenpeace im „Zukunftswald“
Impact Investing: Wie filia gezielt Frauen fördert
Constanze: In Wald zu investieren, klingt überzeugend, wenn ich Vermögen dauerhaft und nachhaltig anlegen möchte. Auch filia ist in geringem Maße an Waldinvestments beteiligt. Unser Stiftungszweck ist die Förderung von Frauen, Mädchen, LBTIQ. Deshalb suchen wir gezielt nach Investments, die einen positiven Impact auf diese Gruppe haben. Wir sind zum Beispiel an Fonds beteiligt, die in frauengeführte kleine und mittelständische Unternehmen investieren. Denn obwohl es Studien gibt, die zeigen, dass frauengeführte Unternehmen oft einen besseren Return on Investment haben als männergeführte Unternehmen, ist es für Frauen immer noch schwieriger, Kredite zu erhalten.
Anderes Thema: In Stiftungskreisen wird oft über den Ewigkeitsgedanken von Stiftungen diskutiert, denn auch wir unterliegen der Pflicht zum Kapitalerhalt – für die Ewigkeit. Wir sind unseren inzwischen 83 Stifterinnen extrem dankbar, dass sie ein Vermögen aufgebaut haben, aus dessen Gewinnen wir filias Grundstruktur finanzieren können. Das ist geraden in Hinblick auf den extremen Rechtsruck eine wichtige Absicherung für unser Fortbestehen. Wir sind nicht davon abhängig, dass uns öffentliche Mittel zuteilwerden. Denn um die wird es auf absehbare Zeit nicht gut bestellt sein. In dieser Hinsicht erleichtert uns der Ewigkeitsgedanke.
Andererseits sehen wir aber, dass die feministischen Bewegungen genau jetzt unsere Unterstützung brauchen. Wir sind jetzt aufgefordert zu handeln und finanzielle Mittel an diejenigen weiterzuleiten, die demokratische Strukturen aufrechterhalten, die sich anti-feministischem Backlash entgegenstellen. Mit den 3 % Rendite, die wir aus unserem Stiftungskapital – Aktien, Immobilien, Anleihen – erhalten, können wir die Bedarfe nicht decken. Deshalb freuen wir uns auch, wenn wir Gelder erhalten, die wir nicht auf Ewigkeit ins Stiftungskapital legen, sondern die wir sofort weitergeben können.
Wie siehst du das, ist es noch zeitgemäß, Stiftungsvermögen „für die Ewigkeit“ anzulegen?
Stiftungsvermögen nachhaltig anlegen: Der Ewigkeitsgedanke als Verantwortung, die Zukunft sichert
Sandra: Ich halte die Idee der Ewigkeit für ein großes Privileg – aber nur, wenn wir sie als Verantwortung verstehen. In einer Finanzwelt, die oft in Quartalsberichten denkt, können Stiftungen Räume für echte Langfristigkeit schaffen. Gerade Transformationen wie der Waldumbau brauchen Jahrzehnte.
Gleichzeitig dürfen wir uns hinter diesem langfristigen Horizont nicht verstecken. Die Krisen unserer Zeit sind akut. Kapital, das auf Dauer gebunden ist, aber heute keine Wirkung entfaltet, verliert seine Legitimation. Genau hier liegt unsere Stärke: Wir können geduldiges Kapital bereitstellen und substanziell in den tiefen Wandel investieren, der sich vielleicht erst in dreißig Jahren wirtschaftlich trägt, aber heute dringend angestoßen werden muss.
Ewigkeit bedeutet für mich nicht Aufbewahrung, sondern Gestaltung: Heute die Grundlagen dafür zu legen, dass Zukunft überhaupt möglich bleibt.
Constanze: Was macht dir für diese Zukunft aktuell Mut?
Vererben heißt Vertrauen: Was Stiftungsarbeit trägt
Sandra: Mich beeindruckt die lebendige, generationenübergreifende Solidarität, auf der Stiftungsarbeit beruht. Menschen vertrauen uns ihr Vermögen oder ihr Erbe an – oft mit dem Wissen, dass sie die Wirkung selbst nicht mehr erleben werden. Sie tun das nicht für eine Finanzrendite, sondern weil sie an ein größeres, gemeinsames Ganzes glauben.
Dieses Vertrauen zeigt, dass der Wunsch nach gemeinsamer Gestaltung tief verankert ist. Wir gehören zusammen, auch wenn wir unterschiedlich viel haben oder unterschiedlich lange etwas davon haben. Wenn ich auf unsere wachsende Stiftungsgemeinschaft blicke, denke ich: Hier wird Veränderung konkret. Und das ist für mich die schönste Verbindung zu Celina Bostics Song, den ich auf filias Jubiläumsfeier gehört habe: Wir werden nie wieder leise sein, wenn es um die Zukunft geht, die wir mit unserem Handeln und unserem Vermögen prägen. Solange es diese Haltung gibt, haben wir allen Grund, zutiefst zuversichtlich zu sein.
Ihre Ansprechpartnerin

Ob zustiften, spenden oder vererben – wir beantwortet gern Ihre Fragen.
Constanze Claus
Stellv. Geschäftsführerin
c.claus@filia-frauenstiftung.de
+49 (0)40 380 381 992
FAQ – Häufige Fragen zur Vermögensanlage
Was bedeutet nachhaltige Geldanlage für Stiftungen?
Bei Stiftungen bedeutet nachhaltige Geldanlage, dass das gesamte Stiftungsvermögen – nicht nur die Fördergelder – konsequent am Stiftungszweck ausgerichtet wird. Die Umweltstiftung Greenpeace nennt dieses Prinzip „Total Asset Activation“.
Was ist ESG-Investment im Stiftungskontext?
ESG steht für Environmental, Social, Governance – also ökologische, soziale und Führungskriterien bei der Geldanlage. filia setzt dies über strenge Ausschlusskriterien (z. B. Rüstung, fossile Energien, Kinderarbeit) und Positivkriterien (z. B. Diversität, erneuerbare Energien) um.
Wie funktioniert Impact Investing zur Frauenförderung?
filia investiert gezielt in Fonds, die frauengeführte kleine und mittelständische Unternehmen unterstützen, da diese trotz oft besserer Rendite schwerer Zugang zu Krediten erhalten.
Ist ethisches Investment mit guter Rendite vereinbar?
Laut filia ist das möglich: Trotz strenger Ausschlusskriterien erreicht die Stiftung im Aktienbereich im Durchschnitt eine Zielrendite von 6 %.
Was ist der „Ewigkeitsgedanke“ bei Stiftungen?
Er beschreibt die Pflicht zum dauerhaften Kapitalerhalt. Beide Gesprächspartnerinnen plädieren dafür, diesen Gedanken nicht als sichere Aufbewahrung, sondern als langfristige Gestaltungsverantwortung zu verstehen.
