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filia-Reise 2018 nach Belgrad

Stephanie Gerlach (für die Regionalgruppe München)

"I am sorry, this is so sad". Nada stockt und wischt sich eine Träne weg. Auch wenn sie schon seit Jahren der Hilfsorganisation Daje vorsteht, die sich um die Unterstützung von Roma-Frauen kümmert, trifft sie immer noch jedes Schicksal mitten ins Herz. Bei Nadas Erzählungen über 13-jährige Mädchen, die nicht mehr zur Schule gehen dürfen und zwangsverheiratet werden, stockt uns der Atem. Wir bekommen eine Ahnung, wie Mädchen und Frauen in den Roma-Siedlungen außerhalb Belgrads in einem System aus Gewalt und Unterdrückung gefangen sind. So sitzen wir, acht filia-Stifterinnen bzw. -Spenderinnen plus filia- Geschäftsführerin Sonja, mit betretenen Gesichtern in einem schmucklosen Raum eines Community Centers, um eine Organisation kennenzulernen, die von filia künftig strategisch über drei Jahre gefördert wird. "Daje" heißt Mutter, erklärt uns Valentina, die für die SOS-Telefonhelpline zuständig ist und die auch noch als pädagogische Assistentin in einer Grundschule außerhalb Belgrads arbeitet. "Das passt, denke ich mir, in dieser aussichtslos scheinenden Situation braucht es mütterliche Fürsorge."

Aber der Reihe nach. Am Samstag, 20. Oktober 2018 landen wir alle in Belgrad, checken im sehr zentral gelegenen Hotel Marshal ein und brechen zu einem ersten Orientierungsspaziergang auf. Belgrad, die Hauptstadt Serbiens, die im Lauf der Geschichte so oft zerstört wurde und in der 1,7 Millionen Menschen leben, zeigt sich abweisend und grau, genau wie der Himmel. Es sollte zwei Tage dauern, bis wir die Schönheit dieser widersprüchlichen Stadt entdecken, die vielen opulenten Fassaden, die sich zwischen hässlichen Klötzen verstecken und die kaum jemand reinigt oder gar renoviert. Nach dem wir den Hauptplatz Republica mit Fußgängerzone Michailova überquert haben, schlendern wir durch aufgerissene kleine Straßen, passieren eine kleine aufgehübschte Ausgehmeile und stehen plötzlich vor der Auslage einer wunderbar altmodischen Bäckerei ("pekara", das Wort lernen wir sofort!). Heike kann durch ihre Russischkenntnisse sowohl bei den Belgradern als auch bei uns punkten, und so verlassen wir den Laden mit Apfel-, Kirsch- und Mohnstrudel. Aber wo sollen wir diese Leckereien jetzt essen? Die Antwort liefert uns eine Mischung aus Café und Lampenladen. Wir können draußen sitzen, das erste Pivo (Bier) wird bestellt, und während wir den Kuchen verdrücken, tauschen wir uns über die ersten Eindrücke aus. Das Wochenende gibt uns Gelegenheit, uns, bevor das offizielle Programm beginnt, mit einem Land anzuwärmen, über das wir kaum etwas wissen. Stadtrundfahrt, Kaffee und Kuchen im Hotel Moskau, orthodoxe Kirchen, Jazzkneipe - langsam werden wir vertraut mit dem Rhythmus dieser Stadt. Wir sagen oft "hvala", das heißt danke, und freuen uns über die offene und gastfreundliche Art der Belgrader_innen.
Gleich um die Ecke vom Hotel bietet die Markthalle Obst, Gemüse, Nüsse und serbische Spezialitäten aller Art. Adi, der smarte Inhaber eines Nuss- und Trockenfrüchte-Standes, begrüßt uns bereits am zweiten Tag wie alte Bekannte.

Am nächsten Tag (Montag) heißt es früh aufstehen, denn um 8.30 Uhr werden wir von Marija abgeholt. Sie arbeitet für die serbische Frauenstiftung Reconstruction Women's Fund und ist unsere Koordinatorin für die gesamte Reise. Sie leitet uns zum Busbahnhof, denn heute besuchen wir Roza, eine Organisation in Zrenjanin, einer Kleinstadt, in der ca. 130.000 Menschen leben und die etwa 1,5 Stunden von Belgrad entfernt liegt. Roza setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen für Frauen ein. Kurz nach einem herzlichen Empfang in einem kleinen Büro (es gibt kleine pikante oder süße Küchlein und Getränke) beginnen Milica und Vesna zu erzählen. Die beiden sind seit Jahren mit viel Herzblut damit beschäftigt, Fälle von Arbeitsrechtsverletzungen zu dokumentieren. Dazu geben sie uns Hintergrundinformationen, wie die Lage für Frauen auf dem serbischen Arbeitsmarkt aussieht. Auch wenn der serbische Durchschnittslohn mit 400 Euro angegeben wird, verdienen Frauen in der Regel kaum mehr als 150-200 Euro - wenn sie überhaupt einen Job finden. Seit dem Krieg und der Privatisierung gibt es kaum noch Arbeit für Frauen. Nur noch sechs Fabriken sind von vormals 50 Fabriken übrig, hauptsächlich im Bereich Autozulieferung und Textil. Schnell denken wir an Textilarbeiterinnen in Bangladesh, als Vesna das Beispiel von der Windelpflicht erläutert, die eine koreanische Firma ihren Arbeiterinnen auferlegt, damit sie nicht auf die Toilette gehen. Oder die rote Armbinde, die eine Arbeiterin tragen muss, wenn sie ihre Tage hat und damit weniger produktiv ist, was in reduzierte Lohnzahlung mündet. Wir sind sprachlos, das Wort "Sklaverei" macht die Runde. Vesna, Milica und die Übersetzerinnen nicken. Danach zeigen die Roza-Frauen, zu denen auch Milicas Tochter gehört, einen Film, den sie vor zwei Jahren gedreht haben und der sechs Schicksale von Frauen dokumentiert, die als Saisonkräfte in der Obsternte arbeiten. Keine Rente, aber jahrelang geschuftet. Weniger Lohn als ausgemacht. Kein Arbeitslosengeld. Niemand taucht auf in der Arbeitslosenstatistik. Kaum Mutterschutzregelungen, auch die Elternzeitvereinbarungen sind nach und nach gekürzt worden, und wir fragen uns, wie Frauen hier überhaupt überleben. Der Film ist zu Ende, und wir erfahren, dass Milica wegen der Erstellung dieses Films vor zwei Jahren ihre Arbeit verloren hat. Wer die Zustände beim Namen nennt, ist schnell ein public enemy - eine Feindin. Es folgt eine Diskussion über die Regierung, über den nationalistischen Präsidenten Vucic und seine korrupten "Marionetten", die nichts für die Frauen tun wollen - außer dass sie die Gesetze ständig zum Schlechteren ändern. Mittlerweile gelten Arbeitsverträge z.B. auch, wenn sie mündlich geschlossen sind - d.h. im Zweifelsfall kann frau nichts beweisen.

Nach so vielen schweren Themen meldet sich Hunger, und wir gehen alle gemeinsam traditionell serbisch Mittag essen. In Serbien gilt das Mittagessen als die Hauptmahlzeit - so finden wir uns in einem rustikalen Lokal wieder, in dem - wie überall - geraucht wird und wo sich nach kurzer Wartezeit die Tische biegen. Suppe, Gemüseplatten, Fleischplatten, Pommes - serbische Kost vom Feinsten. Wir erfahren noch so manches von unseren Gastgeberinnen, z.B. dass man Paprika zuerst grillt und danach einfriert, um das beste Aroma zu erhalten und dass die meisten Frauen mehrere Jobs gleichzeitig haben, um über die Runden zu kommen.
Bald ist es Zeit, wieder zum Busbahnhof aufzubrechen. Als wir uns nach exakt 1,5 Stunden Busfahrt wieder Belgrad nähern, ist es schon dunkel. Wir treffen uns noch auf ein Glas Wein.

Am nächsten Tag (Dienstag) werden wir bei den Women in Black erwartet. Die Organisation engagiert sich u.a. in der Flüchtlingsarbeit und ist mit vielen linken, antifaschistischen Organisationen vernetzt, liefert Rechtsbeistand und unterstützt Oppositionelle. Women in Black ist in Serbien durch ihre Aktionen durchaus bekannt und wird von Regierungsseite fast schon dämonisiert – ein zweischneidiges Schwert, denn ständig drohen Verhaftungen. Stasa, die seit langer Zeit für das Frauen-Netzwerk arbeitet, brennt für die Sache und sie erklärt auf englisch-serbisch gemischt, wie schlimm die Zustände sind, wie viele Frauen das Land bereits verlassen haben und wie schwer das Leben in einer Diktatur ist. Daran ändert die lesbische Premierministerin nichts, denn auch sie unterstützt die faschistischen Strukturen dieses Landes, das zwar gerne in die EU aufgenommen werden würde, das aber für die EU als Nichtmitgliedsland sehr wichtig ist, weil es die Flüchtlinge aufhält. Und will die EU ein weiteres Armenhaus aufnehmen? Die NGOs, die wir besucht haben, sind im Übrigen gar nicht so daran interessiert, in die EU aufgenommen zu werden – sie erhoffen sich keinen gravierenden Wandel dadurch. Denkt man an Polen oder Ungarn, lässt sich diese Haltung schnell nachvollziehen.
Irgendwann kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten - so viel Schwere auf einmal, so wenig Perspektive und doch so viel Kraft, die diese engagierten Frauen haben. Der Krieg ist nie aufgearbeitet worden. Das Land steuert immer weiter nach rechts.  Die Medien sind fest in Regierungshand, von der Arbeit der NGOs erfährt die Öffentlichkeit so gut wie nichts – außer, es handelt sich um regierungsfreundliche NGOs, die die Regierung eingesetzt hat, um zu zeigen, wie offen sie ist. Eine perfide Strategie. Regimekritische Organisationen bekommen grundsätzlich kein Geld vom Staat. Alle Netzwerke werden aus dem Ausland bezahlt. Schweden, Niederlande, Kanada, Deutschland etc. Wir umarmen uns und wollen Solidarität zeigen. "You are not alone". Und doch sind wir bald wieder weg mit Geschenken in unseren Händen: T-Shirts und Buttons.

Am Nachmittag erwartet uns die lesbische Organisation Labris. Jelena steht selbstbewusst an der Tür: "Ich habe euch schon erwartet, herzlich willkommen." Sie führt uns in einen Sitzungsraum, der mit einem feministischen Plakat und verschiedenen Fotos von Lesben geschmückt ist und berichtet von den Pride-Demonstrationen in Belgrad, die von gewalttätigen Übergriffen auf die Demonstrant_innen begleitet wurden. Heute wird die Polizei eher dazu angehalten, den Zug zu schützen, denn das Ausland soll Belgrad als weltoffene Stadt sehen. Jelena hat keine Angst, sich auf der Straße öffentlich als Lesbe zu zeigen. Aber damit ist sie eine der wenigen.  Viele lesbische Frauen haben Angst, in der serbischen patriarchalen Gesellschaft diskriminiert zu werden, durchaus zu Recht. Die Community wünscht sich ein Antidiskriminierungsgesetz und die Möglichkeit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft. Regenbogenfamilien können sich nicht absichern. Es gibt also viel zu erkämpfen. Aber Jelena möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie verzweifelt, und so stellt sie uns eine interessante Frage: „Bei dem Rechtsruck überall in Europa: Wer von uns, meint ihr, hat die dickere Haut?" Wir lächeln, sind verunsichert. Es gibt unterschiedliche mögliche Antworten. Ist diese Frage nicht auch eine Variation der letzten Bastion des persönlichen Stolzes oder gar des Nationalismus?
Dann möchte Jelena wissen, warum wir uns für filia engagieren. So erzählt jede ein Stück aus ihrer Geschichte, so dass auch die filia-Frauen untereinander sich wieder ein bisschen besser kennenlernen.
"Wo sollen wir denn jetzt für den Abend hingehen? Gibt es lesbenfreundliche Orte in Belgrad, Jelena?" Sie lacht und schickt uns in die Greenhouse Bar, eine Kneipe, die von einem Frauenpaar gemanagt wird. Wir werden mit überschwänglichem Hallo begrüßt und verbringen einen großartigen Abend mit Musik, Tanz, vielen Gesprächen und natürlich Slivo - dem berühmten Pflaumenschnaps.

Am Mittwoch empfangen uns schließlich Nada, Valentina und die Psychologin Jelena (ja, ein häufiger Name!) von Daje. Ihre Erzählungen treffen auf uns, die schon ein Gefühl für die Herausforderungen, die das Leben in diesem Land bedeuten, entwickelt haben. Und die trotzdem kaum glauben können, unter welchen Bedingungen Roma-Frauen und -Mädchen in ihren Clans leben. "Das ist ja purer Frauenhandel", entfährt es uns, als Nada und Valentina erzählen, dass die Mädchen häufig ins Ausland "verheiratet" werden. "Verkauft" wäre ein passenderer Ausdruck, schließlich bekommt eine Familie 20.000 Euro für einen "guten Deal". Die Übersetzerin weint. Wir machen eine kurze Pause.
Die Schlussrunde ist leichter. Wir hören noch einmal, wie Daje beim Kampf um eine Buslinie von der Roma-Siedlung in die Stadt erfolgreich war. Denn zuvor mussten die Frauen 4 km, teils durch den Wald, in die Stadt laufen. Die gemeinsame Fahrt im Bus bedeutet Sicherheit und Zeitersparnis. 
Nada verspricht, am Abend noch zum Abschiedstreffen in die Räume vom Reconstruction Women's Fund zu kommen. Von Valentina und Jelena verabschieden wir uns. Valentina hat zwei Stunden Busfahrt vor sich.

Wir suchen uns einen ruhigen Ort zum Mittagessen und sprechen über die starken Frauen. Demut, Dankbarkeit. Keine hat einen Einfluss darauf, wo sie geboren wird. In welche Familie, in welchem Land. Wir können versuchen, etwas zurückzugeben. Mitzufühlen und daraus eine sinnvolle Aktivität zu entwickeln.

Der letzte Abend ist da: Wir sind eingeladen, beim Reconstruction Women's  Fund, also der serbischen Frauenstiftung, uns über ihre Arbeit zu informieren. Schließlich ist sie sozusagen eine Art Knotenpunkt für alle NGOs, die für Frauenrechte arbeiten. Immer mehr Frauen klingeln und Zoé, eine Powerfrau erster Güte, stellt uns jeweils die neu angekommene Frau vor. Alles interessante Gesprächspartnerinnen, die in den unterschiedlichsten Feldern arbeiten. Jasna erzählt mir von einem Lesbenpaar, die in einer Roma-Siedlung leben und die es tatsächlich geschafft haben, eine gemeinsame Baracke zu beziehen. Ich kann das kaum glauben. "Yes", erwidert Jasna, es gibt auch ein bisschen Toleranz bei den Roma. Widersprüchliches hören wir ganz oft auf unserer Reise. Und dann trommeln Zoé und ihre Mitstreiterinnen auf ihren coolen Trommeln, und wir freuen uns über die Stärke, die Lebensfreude und die Gastfreundschaft dieser unglaublich tollen Frauen. Selbst  gemachter Walnussschnaps macht die Runde.  „živela" (Prost) rufen wir und ziehen hinaus in die Nacht. Eine großartige Reise geht zu Ende, perfekt organisiert.

Unser Dank geht an all diese wunderbaren Serbinnen, die uns so herzlich empfangen haben.
Danke an Heike, die uns versiert durch den Straßendschungel geführt hat und charmant auf russisch so manches Missverständnis erst gar nicht hat entstehen lassen. Und ein besonderes „Hvala“ geht an Sonja, die beste Reiseleitung, die frau sich vorstellen kann!