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Länderbericht Tschetschenien

Basisinformationen*

Die Geschichte des tschetschenischen Volkes ist eine Geschichte von Tragödien. 1944 wurde die gesamte Bevölkerung durch ein Dekret von Stalin nach Kasachstan deportiert. Es starben während und nach dieser Aktion fast die Hälfte aller Tschetscheninnen und Tschetschenen. Erst ab 1956, dem folgenden „Tauwetter“ veranlasst durch Chruschtschow, konnten sie nach und nach zurückkehren in Häuser, die inzwischen von anderen russländischen Menschen bewohnt wurden.

Informationen über Tschetschenien sind heute meistens nur von Seite Russlands zu erhalten und dementsprechend von der russischen Sichtweise geprägt. In den 2 Tschetschenienkriegen (1994-1996 und 1999 – 2006) kamen über 10 % der tschetschenischen Bevölkerung ums Leben. Nach Zählungen der russischen Föderation leben 2009 in Tschetschenien rund 1,2 Millionen Menschen, zwei Drittel davon in ländlichen Gebieten. Die Volkszählung von 2002 ergab, dass etwa 96 ethnische Gruppen im Land leben, darunter tschetschenische, russische und kumykische. Tschetschenisch und Russisch sind die beiden offiziellen Sprachen der Region. Die Mehrheit der Einwohner bekennt sich zum Islam.

Tschetschenien hat seit dem 2. Tschetschenienkrieg den Status einer Autonomen Republik im Föderationskreis Südrussland. Im Zuge der Politik der „Tschetschenisierung“ wurden auf wichtige Positionen tschetschenische Menschen gesetzt, aber militante Separatisten kämpfen noch immer für die Unabhängigkeit des Landes. Obwohl der zweite Tschetschenienkrieg seit dem 16. April 2009 offiziell von Russlands Seite her beendet ist, werden terroristischen Aktionen nach wie vor fortgesetzt, wenn auch verstärkt in den benachbarten Republiken Inguschetien und Dagestan. Human Rights Watch vermutet, dass die terroristische Bewegung nunmehr fast völlig unter dem Einfluss von radikalen Islamisten steht – anstelle der früheren separatistischen Bestrebungen –, die einen islamistischen Staat im Kaukasus etablieren wollen.
Die höchste Regierungsmacht hat der tschetschenische Präsident inne, der für fünf Jahre gewählt wird – nach dem Mord an seinem Vater Achmad Kadyrow 2004 wurde Ramsan Kadyrow seit 2007 diese Position übertragen. Ihm untersteht das Parlament. Unter Kadyrows pro-russischer Regierung wurden die anti-terroristischen Maßnahmen verstärkt, was zu vermehrter Gewaltanwendung der Staatsorgane führte und von internationalen Beobachtern als Verstöße gegen die Menschenrechte kritisiert wird. Kadyrow fährt eine Doppelstrategie: einerseits ordnet er sich der russischen Föderation unter, andererseits führt er mit harter Hand einen Kurs der Islamisierung als Abgrenzungspolitik gegenüber Russland. Dieser Kurs geht vor allem zu Lasten der Frauen. (siehe unten)

Anschläge auf MenschenrechtlerInnen, die in und über Tschetschenien arbeiten, häuften sich in den letzten Jahren. Aktuelle Fälle ereigneten sich im Juli 2009 mit der Entführung und Ermordung der „Memorial“-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa in Grosny und im August 2009 mit der Ermordung der Leiterin einer Kinder-Hilfsorganisation Zarema Sadulajewa und ihrem Ehemann.
Kritische Berichte zur Situation in Tschetschenien findet man unter anderem bei:
Human Rights Watch 2009
Amnesty International 2004

 

Aus der Sicht der Frauen*

Trotz der akuten Gefährdung für MenschenrechtlerInnen arbeiten weiterhin engagierte Organisationen daran, das Leben der Menschen in Tschetschenien zu verbessern und Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen. Sie berichten von den katastrophalen Umständen, unter denen Frauen und Mädchen verstärkt leiden.

Die Stellung der Frau in der patriarchalischen Familie geht heute noch auf mittelalterliche Traditionen zurück: „Viele Probleme, vor allem die die Familie betreffen, werden noch heute nach den Adaten, einem mittelalterlichen Klan-Kodex entschieden. Danach können junge Frauen ihren Ehemann nicht auswählen, können gegen eine von Eltern vorgeschlagene Ehe nicht protestieren, häufig werden sie sogar gegen ihren Willen von ihrem zukünftigen Ehemann entführt. Vorläufiger Höhepunkt dieser frauenfeindlichen Politik ist der Vorschlag des tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow, die Vielweiberei offiziell einzuführen“ (Lebensfaden 2008). Diese unterlegene Rolle erfahren Mädchen bereits an der Schule, wenn sie im Gegensatz zu ihren männlichen Mitschülern „während des Unterrichts Schulhöfe fegen, Klassenräume nach Unterrichtsschluss aufräumen“ (Lebensfaden 2008) müssen. Seit 2007 wurde ein Kopftuchzwang eingeführt: Für Mädchen ab Schulantrittsalter, für alle Frauen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, für alle Studentinnen.

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft ist dabei widersprüchlich: „From the one hand the society which lives according to secular style provokes women to live according to secular rules, from the other hand the influence of radical Islam is very strong. The authorities try to impose some rules how women should live, about her appearance, style of live, thus the government is trying to restrict women in her rights and freedom” (Women’s Dignity 2008). (dt.: Einerseits provoziert eine Gesellschaft, die sich säkular gibt, Frauen dazu, einen säkularen Lebensstil zu praktizieren. Andererseits ist der Einfluss des radikalen Islam sehr stark. Die Obrigkeit versucht einige Regeln einzuführen, um Frauen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben  – bezüglich ihrer Erscheinung, ihres Lebensstils. Die Regierung bemüht sich darum, Frauen einzuschränken in ihren Rechten und in ihrer Freiheit.)

Der anhaltende Kriegszustand in Tschetschenien führte teilweise zu einer Änderung der traditionellen Geschlechterrollen – aufgrund der vielen männlichen Opfer des Krieges sehen sich Frauen gezwungen, als Familienoberhäupter zu fungieren und die Versorgung der Familie zu übernehmen. Bei der hohen Arbeitslosigkeit von 75 bis 80 % ist das oft nicht ausreichend: „According to the monitoring conducted by WDC in May 2008, 95 % women are the only parent in one member families, 80 % of families‘ income is low than established cost of living. 41,88 % has the problem of undernourishment, 65,81 % has no means for medical needs, 45 % can not allow themselves fruits, 76 % can not buy meat or fish, 81 % can not make repair works” (Women’s Dignity 2008). (dt.: Gemäß der Untersuchung von “Frauenwürde” im Mai 2008, sind in Einfamilienhaushalten zu 95 % Frauen die Alleinerziehenden; 80% der Familieneinkommen sind niedriger als die durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten; 41,88 % sind unterernährt; 65,81 % haben keine Mittel für medizinische Versorgung; 45 % können sich keine Früchte leisten; 76 % kein Fisch oder Fleisch, 81 % können keine Reparaturen vornehmen lassen an ihren Wohnungen.)

Originalton Menschenrechtsbeauftragter Nurdi Nuchaschiew als Reaktion auf die Morde an 7 Frauen in der Gegend von Grosny im Winter 2008: „Leider haben bestimmte Frauen bei uns vergessen, dass es für Frauen der Bergvölker einen Verhaltenskodex gibt. Und so kommt es gelegentlich vor, dass deren Verwandte, Männer, die sich durch das Verhalten der Frauen beleidigt fühlen, Lynchjustiz üben.“
Website Kadyrow 2009: „Eine Frau muss wissen, wo ihr Platz ist. Der Mann ist ihr Eigentümer…. Und auf den Straßen sieht man Frauen ohne jegliche Kopfbedeckung, in Miniröcken und mit offenem Haar. Die Mentalität unseres Volkes lässt Derartiges nicht zu.“

Infrastruktur, Wirtschaft sowie soziales System wurden durch den Krieg nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Schlechte medizinische Versorgung sorgt für einen hohen Anteil an chronischen Krankheiten – zusätzlich zu traumatischen Erfahrungen und psychologischem Stress –, die nicht behandelt werden. Insbesondere für schwangere Frauen und kleine Kinder verlaufen Erkrankungen häufig tödlich. Innerhalb der russischen Föderation ist Tschetschenien eine der Republiken mit der höchsten Kindersterblichkeit.

*Diese Informationen erhalten wir teilweise mit den Anträgen und Berichten unserer Partnerinnen. Fakten und Einschätzungen wurden also vor dem Hintergrund der Arbeit und der Erfahrungen der Frauen aus den Organisationen und Projekten gesammelt. Für die Richtigkeit verbürgt sich filia nicht!