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Länderbericht Bulgarien

Basisinformationen*

Die parlamentarische Republik Bulgarien liegt auf der Balkanhalbinsel und grenzt an Rumänien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei. Die Hauptstadt ist Sofia. Bulgarien folgte bis 1990 einer kommunistischen Ideologie, war jedoch kein Teil der Sowjetunion. Seit 2004 ist Bulgarien Mitglied der NATO und 2007 trat es der Europäischen Union bei. Die Amtssprache ist Bulgarisch.

Nach Zählungen vom Dezember 2008 leben in Bulgarien ca. 7,6 Millionen EinwohnerInnen. 83,9 % davon sind BulgarInnen, die größten ethnischen Minderheiten sind mit 9,4 % TürkenInnen und mit 4,7 % Roma. Die Mehrzahl der EinwohnerInnen gehört der bulgarisch-orthodoxen Kirche an, die in der Verfassung als traditionelle Religion Bulgariens genannt wird. 12,2 % sind muslimischen Glaubens, außerdem gibt es eine geringer werdende jüdische Minderheit. Bei allen Angaben kann es sich jedoch nur um Schätzungen handeln, da Kritiker an den bulgarischen Datenerhebungen zweifeln und sie als verfälschend werten.

Seit den letzten Parlamentswahlen im Juli 2009 wird Bulgarien von einer Minderheitsregierung der GERB regiert (die bulgarische Abkürzung lässt sich in etwa übersetzen als „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens“), der Partei des Bürgermeisters von Sofia, Bojko Borissow. Die weitere Annäherung an die EU und der Aufbau der Industrie, die nach wie vor hinter der Landwirtschaft zurücksteht, gelten der Regierung als höchste Prioritäten. International wird hingegen der hohe Grad an Korruption kritisiert.

Aus der Sicht von Frauen*

Als Mitglied der EU hat Bulgarien die Gleichbehandlungsrahmenrichtlinie adaptiert und Antidiskriminierungsgesetze erlassen. In der Realität mangelt es jedoch an der Umsetzung, was sich in höherer Arbeitslosigkeit, erschwerten Bedingungen am Arbeitsplatz und niedrigerem Einkommen für Frauen äußert: Das Durchschnittseinkommen von Frauen liegt um etwa 16 % niedriger als das von Männern in vergleichbaren Positionen (Erhebungen des Bulgarian Fund for Women 2008). Bei der Arbeitssuche werden Frauen aufgrund von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrem Familienstatus oder ihrem gesundheitlichen Zustand diskriminiert und am Arbeitsplatz werden sie häufig Opfer von sexueller Belästigung. Sie ergreifen jedoch nur selten rechtliche Maßnahmen dagegen: “women in Bulgaria are afraid to stand for their rights when violated in the employment sphere, they do not trust the state institutions […] the violations of their rights have different forms but they are most often in the process of searching for a job, related to their maternity and family status, in the process of firing […] An additional obstacle is the cost of the legal services which is high and dissuasive for them” (Bulgarian Gender Research Foundation 2007, dt.: „Frauen in Bulgarien haben Angst, für ihre Rechte einzustehen, wenn diese bei ihrer Arbeit verletzt werden, sie vertrauen den staatlichen Institutionen nicht […] Die Verletzungen ihrer Rechte haben unterschiedliche Formen, doch sie kommen am Häufigsten in der Arbeitssuche, im Zusammenhang mit Mutterschaft und Familienstatus, und beim Entlassungsprozess vor“).

In der Öffentlichkeit fehlt das Bewusstsein für die vorherrschende Diskriminierung, und die Frauen selbst wissen meistens nicht um ihre Rechte. In der Politik ist lediglich Gewalt gegen Frauen ein präsentes Thema, das staatlich unterstützt wird. Die Teilnahme von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen wird nicht gefördert und insbesondere junge Menschen erhalten kaum Möglichkeiten zur politischen und gesellschaftlichen Einflussnahme: „The lack of such policy is due to the fact that women do not realize their actual problems and cannot define clearly the discrimination they are faced with. The unawareness of gender discrimination, to which women are victims, is a result of the poor knowledge of basic human rights and the insufficient involvement of women in decision-making processes which affect their personal and professional lives” (Bulgarian Fund for Women 2006, dt.: „Das Fehlen einer solchen Politik resultiert aus der Tatsache, dass Frauen ihre tatsächlichen Probleme nicht begreifen und die Diskriminierung, der sie ausgesetzt sind, nicht genau bestimmen können. Das fehlende Bewusstsein für Geschlechterdiskriminierung, der Frauen zum Opfer fallen, ist das Ergebnis des ungenügenden Wissens über grundlegende Menschenrechte und der unzureichenden Teilhabe von Frauen an Entscheidungsprozessen, die ihr privates und berufliches Leben betreffen“).

Das größte gesellschaftliche Problem ist jedoch der Umgang mit den ethnischen Minderheiten. Insbesondere gegenüber den Roma herrscht nur wenig Toleranz bei der Bevölkerung Bulgariens: „The main and most important ethnic conflict in Bulgaria is between the Roma population and everybody else, and not between Bulgarians and ethnic Turks“ (Bulgarian Fund for Women 2008, dt.: “Der hauptsächliche und wichtigste ethnische Konflikt in Bulgarien ist der zwischen der Roma-Bevölkerung und allen anderen, und nicht der zwischen BulgarInnen und ethnischen TürkInnen”). Roma werden wenig in das gesellschaftliche Leben integriert und leiden aufgrund von geringer Bildung unter hoher Armut und Arbeitslosigkeit: „Only 9% of young Bulgarians are ‚materially disadvantaged‘, whereas for Bulgarian Turks the percentage is 24,6%, and for the Roma it is even higher –  52,2%” (Bulgarian Fund for Women 2008, dt.: „Nur 9% von jungen BulgarInnen sind ‚materiell benachteiligt‘, während der Prozentsatz für bulgarische TürkInnen bei 24,6% liegt und für die Roma sogar höher – bei 52,2%“).

Roma-Frauen sind doppelter Diskriminierung ausgesetzt – aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und aufgrund ihres Geschlechts. In den engen Verbänden von Roma-Familien herrschen starke patriarchale Strukturen vor, die Mädchen und Frauen hauptsächlich ans Haus binden und ihnen nur wenige Möglichkeiten zur Bildung lassen: “This is due to the specific character of the Roma communities which are closed and dominated by patriarchal stereotypes about the role and position of women in family and society“ (Bulgarian Fund for Women 2008, dt.: „Dies resultiert aus dem spezifischen Charakter der Roma-Communitys, die sehr geschlossen sind und von patriarchalen Stereotypen über die Rolle und Position von Frauen in Familie und Gesellschaft dominiert werden“). Im Gegensatz zu den Karriere-bewussten Bulgarinnen, die immer mehr zu Ein-Kind-Familien tendieren, müssen Roma-Frauen mehrköpfige Familien betreuen und sind mit der Kinderpflege auf sich allein gestellt. Das erschwert es zusätzlich, sie zu erreichen und in Weiterbildungsangebote einzubinden: “Roma women have to play a supportive role in the success of their husbands and their scope of activity is limited to caring for the family and the home” (Bulgarian Fund for Women 2008, dt.: “Roma-Frauen müssen eine unterstützende Rolle beim Erfolg ihrer Ehemänner spielen und die Reichweite ihrer Aktivitäten ist begrenzt auf das Versorgen von Familie und Heim“).

Die schlechte finanzielle Situation und Perspektivlosigkeit machen Roma-Frauen besonders anfällig für Frauenhandel. Bulgarien ist ein beliebter Umschlagsort für Menschenhandel in der gesamten Balkan-Region und der hohe Grad an Korruption erschwert effektive Maßnahmen dagegen. „Recent data on about 200 000 to 300 000 people in South Eastern Europe have become victims of trafficking and the Balkans have been a transit route for Europe. […] Typically, traffickers seeking women and girls from poor regions and communities, people with no money and opportunities for education and work. Young people want a better standard of life, cheat on false promises and are subject to the traffickers. Therefore, young Roma women and girls most often trafficked” (Ethnointegration Foundation 2008, dt.: „Laut aktuellen Angaben wurden 200 000 bis 300 000 Menschen in Südosteuropa Opfer von Menschenhandel, und die Balkan-Region dient dabei als Durchgangsstrecke nach Europa. Üblicherweise suchen Menschenhändler Frauen und Mädchen aus armen Regionen und Communitys, Menschen ohne Geld und Möglichkeiten für Bildung und Arbeit. Junge Menschen wollen einen höheren Lebensstandard, sie werden durch falsche Versprechen gelockt und werden Opfer von Menschenhandel. Daher sind junge Roma-Frauen am Häufigsten betroffen“).

*Diese Informationen erhalten wir teilweise mit den Anträgen und Berichten unserer Partnerinnen. Fakten und Einschätzungen wurden also vor dem Hintergrund der Arbeit und der Erfahrungen der Frauen aus den Organisationen und Projekten gesammelt. Für die Richtigkeit verbürgt sich filia nicht!