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Sonja Schelper, Geschäftsführerin bei filia seit Oktober 2008
Bisher hat Sonja Schelper ihr feministisches und frauenpolitisches Engagement immer ehrenamtlich betrieben. Stiftungserfahrungen sammelte sie in der Grünen-nahen FrauenAnstiftung (FAS) zwischen 1987 – 1997. Dort war sie viele Jahre als Stiftungsrätin und im Vorstand tätig.
Als filia im Gründungsprozess war, trafen sich die potentiellen Gründerinnen mit Frauen aus der FAS, um von deren Erfahrungen zu hören. 2004 wurden erstmalig externe Expertinnen für bestimmte Bereiche gesucht, gefunden und in den Stiftungsrat gewählt. Unter ihnen Sonja Schelper, die auch die Leitung der Arbeitsgruppe für die Mittelvergabe in Zentral- und Osteuropa übernahm.
Als 2008 die Stelle der Geschäftsführerin vakant wurde, machte sie ihre Berufung zum Beruf.
Ein nicht geringer Teil Deiner Arbeit ist die Umsetzung der Anlagepolitik der Stiftung. Du bist nun weder Bankfachfrau noch Anlagespezialistin. Wie findet frau sich in dem Dschungel zurecht?
Für die Fragen von Vermögensanlage habe ich mich bereits früher interessiert, was eine Aktie, ein Fond, eine Anleihe ist, war mir also bekannt. Ich habe auch selber nach solchen Möglichkeiten, nachhaltig anzulegen, gesucht. Also ein allgemeines und auch ein geldpolitisches Interesse waren vorhanden.
Im „Normalfall“ wird einer Bank dieses Geschäft übergeben, die das Geld bewirtschaftet. Bei unserer Stiftung entscheiden die drei Frauen des Vorstandes über die Anlagepolitik und über jede konkrete Beteiligung. Unterstützt werden sie dabei in unserem Anlageausschuss von zwei Finanzfachfrauen und seit kürzerer Zeit auch einem Mitarbeiter unserer Hausbank, der GLS.
Welche Kriterien sind denn entscheidend für die Anlagen, die filia tätigt?
Es gibt Ausschlusskriterien: keine Rüstung, kein Tabak, keine Atomenergie, keine Kinderarbeit. Dann achten wir darauf, dass nicht mehr als 30 % in Aktien angelegt werden, das hat mit Risikominimierung zu tun. Alle Anlagen, auch die Aktien selbstverständlich werden geprüft auf ihre Nachhaltigkeit, teilweise auf Firmenpolitik.
Warum ist das für filia so wichtig?
Wir haben ja in unserem Motto den Begriff „Geld verwandeln“. Damit meinen wir einerseits, dass das Geld umgesetzt, „aktiviert“ wird für frauenpolitisches Handeln. Andererseits ist es uns sehr wichtig, dass die Anlagen auch der Mission und Vision von filia entsprechen.
Wir haben ein ganzheitliches Verständnis im Umgang mit Geld entwickelt, wir schauen auf alle Abläufe: durch was wird das Geld erwirtschaftet, wo wird investiert, wem kommt es zu Gute. Uns ist wichtig, dass unsere Kriterien der Nachhaltigkeit und der sozialen wie ethischen Verträglichkeit Berücksichtigung finden.
Für uns ist es ein Aushängeschild und wir erleben – gerade wieder am 8. März auf unserer Veranstaltungen im Hamburger Rathaus - dass es die Leute zum Nachdenken anregt, auch für das eigene Handeln.
Das klingt natürlich viel leichter, als es in der Realität umzusetzen ist.
Was sind die Schwierigkeiten?
Wir sind immer in dem Spannungsfeld – erwirtschaften von guten Erträgen zur Kapitalerhaltung auf der einen Seite – auf der anderen innovative Investitionen ermöglichen, die mit niedrigen Renditen verbunden sind. Stiftungszweck ist die Förderung von guten Projekten für sozialen Wandel im Interesse von Frauen, sprich das Erzielen hoher Renditen ermöglicht höhere Projektmittel.
Deshalb bemühen wir uns darum, mit den Geldinstituten in einen Dialog zu kommen. Es gibt bisher zu Genderkriterien keine Angaben, sie gehen in dem verschwommenen Begriff „sozial verträglich“ mit ein. Uns interessiert: Wie geht das Unternehmen mit Frauenförderung um, gibt es Frauen in Führungspositionen?...
Durch die Diskussionen und Gespräche mit den Banken erhoffen wir uns ein Umdenken, Genderkriterien könnten ein Gesichtspunkt werden. Darum bemühen wir uns immer wieder.
Tipps für andere? Ermutigungen?
Auf dem Markt ist in den letzten 20 Jahren eine enorme Vielfalt von Möglichkeiten entstanden. Frau kann sich z.B. im ECOreporter – Magazin über nachhaltiges Investment informieren. (www.ecoreporter.de )
Mit unserer Hausbank, bei der filia auch stille Teilhaberin ist, haben wir gute Erfahrungen gemacht. Hier wird nicht spekuliert und die Kreditvergabe erfolgt über eine Bürgschaftspraxis an zahlreiche soziale Einrichtungen.
Und natürlich sind die Frauenfinanzbüros eine gute Anlaufstelle. Hier erhalten alle eine kompetente Beratung zu nachhaltigen Geldanlagen.
Auf unserer Website - Transparenz ist uns sehr wichtig – sind unsere Anlagen öffentlich zugänglich. Lassen Sie sich davon inspirieren, wir prüfen sehr gründlich. Wir warnen aber davor, diese im privaten Bereich unkritischen anzuwenden.
Gibt es denn Beispiele für frauenspezifische Anlagemöglichkeiten?
Wenig. filia investiert relativ hoch in Mikrokredite, die zu 90 % Frauen zu Gute kommt.
Und wir beginnen jetzt erstmalig mit einem neuen Unterfangen. „Venture Philanthropy“ ist hier das Stichwort, also kurz gesagt entwickeln soziale Unternehmen und Geldgeber gemeinsam ein innovatives Projekt. In unserem Fall heißt das Projekt „RAGS2RICHES“, kurz R2R. Es geht um eine Produktion in den Philippinen, wo Frauen Müll sammeln und daraus mit der Unterstützung von Top-Designern Taschen und andere Gegenstände herstellen. Die Designer arbeiten kostenlos und eine Pilotphase war erfolgreich. Jetzt soll diese Idee und Produktion auf weiter 5 Kommunen verbreitet werden. filia steigt in diese Unternehmung als direkte Kreditgerberin mit ein und befindet sich damit wieder in dem oben beschriebenen Spannungsfeld: die Renditenerwartung ist gering, das Risiko ziemlich hoch - aber das Ziel und Anliegen dieser Investition entspricht unserer Gesamtvision: Empowerment von Frauen durch aktives Handeln, Partizipation und sozialen Wandel. Hier kann ein eindrucksvolles Video dieses Projektes angeschaut werden: www.rags2riches.com
Und wenn alles gut geht, kann frau auf unserem Jubiläum im Juni diesen Jahres so eine Tasche bei der Verlosung gewinnen.
(Mai 2011)