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Ergebnisse und Erfolge 2009

„Mädchen ohne Fesseln“ auch bei uns!

In Tschetschenien sind die Erlebnisse und Folgen der zwei Kriege, die in jeder einzelnen Familie zu spüren sind, ein Tabu. Weder öffentlich noch an Schulen und Universitäten gibt es einen Raum für Debatten und Austausch. Tschetschenien ist nun eine russische Unterrepublik, Teil eines Landes, das kein Interesse daran hat, eigene Menschenrechtsverletzungen vor, während und nach den beiden Kriegen zu thematisieren.
Mit dem Anschluss an Russland ging auch eine vom Präsidenten Ramsan Kadyrov verkündete „ethisch-moralische Erneuerung“ einher. Nach seinem Verständnis bedeutet dies 2007 die Einführung eines Kopftuchzwangs für alle Mädchen ab 6 Jahre und alle Frauen, die in Staatsdiensten arbeiten. Es bedeutet das Wiederaufleben des Brautraubes und vermehrtes Verständnis für die Polygamie. Wenn der älteste Sohn heiratet, zieht die Schwiegertochter in sein Elternhaus mit ein und wird zur Untergebenen der Mutter. All diese Zeichen einer Re-Islamisierung gehen auf Kosten der Frauen und dienen dazu, sich politisch/kulturell vom „Siegerland“ Russland abzusetzen.
Welche Art von Identität sollen hier junge Menschen, besonders junge Frauen und Mädchen entwickeln? Grundlagen für eine friedlichere, gewaltfreiere und auch frauenfreundlichere Gesellschaft zu schaffen – darum geht es Taita Junousova und ihrem Team von „Zhivaja nit‘“ („Lebensfaden“). Sie unterstützen und begleiten Kinder dabei, ihre traumatischen Kriegserlebnisse zu bearbeiten und sich im heutigen russischen Tschetschenien für ihre Rechte einzusetzen. Bei Kursen in verschiedenen Schulen stellten sie fest, dass sich Mädchen in Anwesenheit von Jungen nicht zu der Ungleichbehandlung und Gewalt äußerten, die sie erleiden.
filia förderte 2008-II Seminare nur für Mädchen an Schulen in den Dörfern Elistanzhi, Serzhen´ Jurt und Alchazurovo. Von Januar bis Juni 2009 nahmen 143 Schülerinnen im Alter von 10 bis 16 Jahren daran teil. Sie lernten die UN-Kinderrechtskonvention kennen und spielten Szenen von Situationen, in denen sie sich in ihren Rechten verletzt fühlten. Schon nach einigen Treffen begannen die Mädchen, eigenständig kreative Lösungsansätze zu erarbeiten. Im Konfliktlösungstraining übten sie, sich in ihrer Familie stärker für ihre Rechte einzusetzen – mit Erfolg: So hat Lina aus der 7. Klasse in Serzhen´ Jurt ihren Vater überzeugen können, dass es für ihre berufliche Zukunft als Juristin  wichtig ist, an einem Friedensprogramm der NGO „Sintem“ teilzunehmen. Der Vater ließ sie für drei Tage in die Stadt fahren – ein großer Sieg für Lina. Luisa, Achtklässlerin aus Alchazurovo, hat ihre Eltern überzeugt, dass sie mehr Zeit für Hausaufgaben braucht, also weniger in der Wirtschaft und im Haus helfen muss.

Viele Schülerinnen berichten, dass sie durch die Projektarbeit gelernt hätten, mit ihren Eltern zu reden; gegenseitiges Verständnis und Achtung in der Familie seien gewachsen. Mädchen werden so zu Akteurinnen für ein friedlicheres Miteinander in Tschetschenien. Hier wird der Grundstein gelegt für das langfristige Ziel: die selbstbewusste Behauptung eigener, auch ökonomischer Unabhängigkeit, das Recht auf Gleichbehandlung, Ausbildung, Berufstätigkeit und freie Partnerwahl. Und wie es im Antrag formuliert war: Mädchen haben das Recht, auf ihren Erfolg stolz zu sein.
In Tschetschenien werden diese „Selbstverständlichkeiten“ heute von manchen Frauen mit dem Leben bezahlt.

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